Wissenschaft

Bairisch klingt traditionell und Berlinerisch trocken?
Spricht jemand Dialekt? Klingt die Stimme männlich oder weiblich, hoch oder tief, alt oder jung, uns vertraut oder fremd? Das alles sind Aspekte, die Menschen in der sprachlichen Kommunikation wahrnehmen und verwenden, um andere nach deren Alter, Intelligenz, Bildungsgrad oder Sympathie einzustufen. Auch ob jemand bei geschriebenen Nachrichten kaum Satzzeichen verwendet oder die geltenden Groß- und Kleinschreibregeln missachtet, spielt bei der Wahrnehmung der jeweiligen Person eine Rolle. Dazu haben Dr. Julia Muschalik, Dr. Simon David Stein und Julika Weber aus der Anglistik und Amerikanistik geforscht und bei der Nacht der Wissenschaft das Projekt an einem Stand vorgestellt.
Was der Dialekt über eine Person aussagen kann
Dialekte gibt es im deutschen Sprachraum zahlreiche. Heutzutage werden sie seltener gesprochen und Personen, die sie noch sprechen, werden häufig als weniger gebildet eingeschätzt. Doch auch die Herkunft des jeweiligen Dialekts kann zu großen Unterschieden in den Assoziationen mit ihnen führen. So wird Bairisch von vielen als traditionell klingend eingeordnet, oft aber auch als freundlich wahrgenommen. Berlinerisch klingt für einige eher trocken, für andere wiederum humorvoll. Die Dialekte rund um Düsseldorf oder Köln gelten für viele Menschen als herzlich und weltoffen, hessisch dagegen als nicht sehr intelligent.
Durch diese Bewertungen wird ein weiterer Faktor deutlich: Die Bewertung der Sprechweise kann je nachdem, wer sie bewertet, variieren. Dennoch lassen sich einige Gemeinsamkeiten finden. Das veranschaulicht eine Deutschlandkarte, die an dem Stand bei der Nacht der Wissenschaft aufgestellt war und an der Besucher:innen ihre eigenen Assoziationen zu verschiedenen Dialekten aufschreiben konnten.


Wie wird die Sprechweise bewertet?
In einem Experiment mit Probanden, deren Erstsprache eine europäische war, haben die Teilnehmenden Sprachdaten aus verschiedenen Pseudosprachen gehört und anschließend beurteilt. Die Pseudosprachen unterschieden sich lediglich in der Sonorität, mit anderen Worten: der Stimmhaftigkeit. Es wurden zudem verschiedene Sprecher:innen eingesetzt, um die Sprachdaten vorzutragen.
Die Sprachen mit hoher Sonorität wurden allgemein als angenehmer wahrgenommen als die Sprachen mit niedriger Sonorität. Männer bewerteten die Sprachen durchschnittlich als unangenehmer. Weibliche Stimmen wurden von allen Probanden als besser klingend bewertet. Von Männern wurden weibliche Sprecherinnen im Schnitt als weniger gebildet eingeschätzt. Im Allgemeinen wurden Sprachen, deren Klang einer nahöstlichen oder afrikanischen Sprache ähnelte, als negativer wahrgenommen. Am besten bewertet wurden Sprachen, die die meiste Ähnlichkeit mit der Erstsprache des jeweiligen Probanden aufwiesen.
Nicht nur in der gesprochenen Sprache findet dieser Prozess statt. An dem Stand der Anglistik und Amerikanistik konnten Besucher:innen bei einer der Stationen das Alter von Verfasser:innen fiktiver Textnachrichten einschätzen. Insgesamt gab es drei erfundene Textnachrichten im Stil einer WhatsApp-Nachricht. Der/Die Verfasser:in des Textes mit korrekter Zeichensetzung und Groß- und Kleinschreibung wurde am ältesten eingeschätzt. Der/Die Verfasser:in der Textnachricht ohne Groß- und Kleinschreibung und mit fehlender Zeichensetzung am jüngsten. Auch der Gebrauch von Emojis spielte bei der Bewertung eine Rolle. Je mehr Emojis in der Textnachricht vorkamen, desto jünger wurde der/die Verfasser:in eingeordnet.
Wenn die Bewertung der Sprache zu Diskriminierung führt
Das große Problem, das unausweichlich durch die Bewertung aufgrund von sprachlichen Besonderheiten entsteht, ist das der Diskriminierung. Diese führt allzu häufig dazu, dass Menschen es aufgrund von Vorurteilen schwierig haben, eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz zu finden. Die extremste Form dieser Diskriminierung wird Linguizismus genannt. Der Grund für die Beurteilung anderer Menschen aufgrund ihrer Sprechweise liegt oftmals an Vorurteilen über Herkunft, Alter und Geschlecht der Personen, die mit den jeweiligen Sprechweisen verknüpft sind. Ein weiterer Grund kann der Klang einer Sprache oder Sprachvarietät sein. Wie jemand spricht, kann für uns angenehm oder unschön klingen. Der Familiarität scheint dabei eine zentrale Bedeutung zuzukommen. Je unähnlicher eine Art zu sprechen unserer eigenen ist, desto negativer ordnen wir sie ein.
Um die Diskriminierung von Sprecher:innen eines Dialekts oder mit sprachlichen Eigenarten sowie einer anderen Sprache zu verhindern und zu reduzieren, sind demnach mehrere Faktoren entscheidend. Zum einen müssen Personen sich ihrer eigenen Vorurteile bewusst werden und versuchen, diese abzubauen. Jeder und jede wird durch stereotypische Vorstellungen beeinflusst und häufig äußern sich Vorurteile unbewusst. Sie entstehen unter anderem durch die Medien und unser Umfeld. Aus diesem Grund muss genau da angesetzt und Aufklärung geschafft werden, anstatt stereotypische Darstellungen weiter zu verbreiten. Auch die Schule kann ein Ort dafür sein, junge Menschen an das Thema Linguizismus heranzuführen. Allerdings muss sich zusätzlich jeder selbst dazu verantworten, Klischees und Urteile in den eigenen Denkmustern zu identifizieren und an diesen Strukturen zu arbeiten. Jeder Person sollten die gleichen Chancen zustehen, unabhängig von der Herkunft, dem Alter oder dem Geschlecht.
Redigat: ms
Was bedeuten Sonorität und Linguizismus?
Sonorität beschreibt die Klangfülle oder den Grad der Stimmhaftigkeit eines Lautes. Ein Laut ist stimmhaft, wenn die Stimmbänder beim Produzieren des Lautes in Schwingung gesetzt werden. Das lässt sich daran erkennen, dass der Kehlkopf währenddessen vibriert.
Linguizismus bezeichnet die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Art zu sprechen. Beispielsweise wird ein Akzent, ein Dialekt oder die Sprachkompetenz abgewertet. Menschen werden also basierend auf Eigenschaften, über die sie keine Kontrolle haben, benachteiligt.
