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Wissenschaft

Redaktion:
Auf dem Foto sieht den Stand des DREAM-Teams bei der Nacht der Wissenschaft. An den Wänden hängen die Plakate des Teams
Das DREAM-Team mit ihrem Stand bei der Nacht der Wissenschaft 2026 (Foto: Lisa Scharf)

Was ist „Liebe“?

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Liebe auf den ersten Blick oder die rosarote Brille aufhaben. Diese Sprüche hat jeder schon mal gehört. Doch was bewirken Begriffe wie „Liebe“ im menschlichen Gehirn, und ist es möglich, dass die KI dasselbe Verständnis von Liebe hat? Bei der diesjährigen Nacht der Wissenschaft gab es viele Stände zu unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen, die ihre aktuelle Forschung vorgestellt haben. Darunter das interdisziplinäre Forschungsteam DREAM. Laura Bartylla, Teamleiterin des psychologischen Bereichs des Projekts, gab Einblicke in die Forschung.

Wofür steht DREAM?

DREAM steht für Decoding Representations of Emotional Abstract Meaning (dt. Entschlüsseln von Repräsentationen emotionaler abstrakter Bedeutungen). Das Team untersucht, wie das menschliche Gehirn und KI-basierte Sprachmodelle die Bedeutung von abstrakten Wörtern abbilden.

Das DREAM-Team schaut sich an, wie Wortbedeutungen im Gehirn zwischen verschiedenen Menschen vergleichbar sind. Der Grund dafür ist, dass jeder Mensch je nach Erfahrungen und Prägungen unterschiedlich auf bestimmte Worte reagiert. Ein besonderer Fokus wird auf abstrakte Wörter gelegt. Da der Begriff „Liebe“ im Alltag zu häufig vorkommt, fokussiert sich das Forschungsteam auf den verwandten, aber abstrakten Begriff „Zuneigung“.

Laura Bartylla betont in dem Zusammenhang, dass es sogenannte Bedeutungszutaten gibt. Damit sind die Bedeutungen gemeint, die mit dem Wort assoziiert werden. Mit dem Wort „Wut“ zum Beispiel verbindet jeder Mensch etwas anderes. Auch beim Begriff "Zuneigung" setzen sich die Bedeutungszutaten aus verschiedenen Aspekten zusammen. Dabei werden unterschiedliche Vorstellungen und Erinnerungen aktiviert, gleichzeitig spielt auch der soziale Kontext eine wichtige Rolle. Ebenso ist der Begriff „Abschied“ stark emotional geprägt. Das zeigt sich im Diagramm deutlich im pink markierten Bereich. Darauf folgt das gelbe Feld, das die sozialen Aspekte der Wortbedeutung abbildet.

Was sind abstrakte Wörter?

Mit abstrakten Wörtern sind Begriffe für Dinge gemeint, die nur als Gedanken oder Vorstellungen existieren. Solche Begriffe sind beispielsweise Gefühle und Eigenschaften wie Liebe, Angst und Freiheit.

Was hinter Wörtern steckt

Laura Bartylla erklärt, wie das Forschungsteam dabei vorgeht. Zuerst werden menschliche Proband:innen gebeten, zu äußern, was ein bestimmtes Wort für sie bedeutet, und dessen Eigenschaften aufzulisten. Genau diesen Schritt konnten Besucher:innen bei der Nacht der Wissenschaft selbst durchführen: Sie sollten aufschreiben, was „Liebe“ für sie bedeutet. Außerdem durften sie versuchen, ChatGPT so zu prompten, dass menschenähnliche Eigenschaften als Antwort kommen. Prompten bedeutet, einer künstlichen Intelligenz (KI) einen möglichst präzisen Befehl zu geben, um eine passende Antwort zu bekommen.

Auch Isabella Pohle-Kaupp ist Teil des Projekts. Als Doktorandin und Psychologin hat sie auf Grundlage der Forschungsdaten von DREAM ein Explorationstool entwickelt, mit dem man wissenschaftliche Ergebnisse einsehen und beurteilen kann. Durch dieses Tool können die Ergebnisse noch einmal wissenschaftlich aufbereitet werden. Bei dem Begriff „Zuneigung“ beispielsweise kamen folgende Eigenschaften raus: Liebe, Freundschaft, Umarmung, Wärme, Beziehung. Da jeder der befragten Menschen individuell unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat, sind die zwischenmenschlichen Unterschiede besonders spannend für das Projekt. Um dies besser einordnen zu können, kommen verschiedene Fragebögen zum Einsatz. Dabei wird untersucht, inwiefern individuelle Erfahrungen die Ergebnisse beeinflussen. Anschließend prüft das Forschungsteam, ob künstliche Intelligenz diese individuellen Zusammenhänge vorhersagen kann. Aus diesen Erkenntnissen werden Konzepte erstellt, die zeigen, wie intensiv Emotionen mit Sprache verknüpft sind.

Bei der Untersuchung stieß das Forschungsteam aber auf eine besondere Herausforderung: ChatGPT kann nur bedingt benutzt werden, da diese KI schon viel „gelernt“ bzw. „gefüttert“ wurde. Dadurch lässt sich nur schwer feststellen, woher bestimmte Antworten oder Bedeutungszusammenhänge stammen. Deswegen werden verschiedene Sprachmodelle miteinander verglichen, darunter auch kleinere KI-Modelle, sodass nicht nur die großen und bekannten Vertreter wie ChatGPT oder Google Gemini betrachtet werden. 

Der zweite Blick: Vom Wort zur Reaktion

Im nächsten Schritt werden die befragten Menschen beobachtet, die unterschiedliche Erfahrungen machen. Es wird beispielsweise dasselbe Wort genannt, mit dem sie allerdings unterschiedliche Erfahrungen gesammelt haben. Diese verschiedenen Erfahrungen lösen unterschiedliche Reaktionen im Gehirn aus. So wird nicht nur auf die Verhaltensbasis geguckt, also was die Leute dazu produzieren, sondern auch, wie das Gehirn das verarbeitet. Wortbedeutungen werden im Fachmodell nicht wie gewohnt mit Buchstaben dargestellt, sondern als Zahlenkette. 

Wenn man diese Zahlenketten in den unterschiedlichen KIs, die aus vielen verschiedenen Texten gelernt haben, miteinander vergleicht, dann kann das räumlich dargestellt werden. Dabei erkennt man dann, dass die abstrakten Worte „Relevanz“ und „Zuneigung“ sehr weit auseinanderliegen. Auf diese Weise können Wortbedeutungen und Sprachmodellergebnisse verglichen werden. Anschließend kann das DREAM-Team identifizieren, ob ein Wort stark emotional, sozial oder kognitiv geprägt ist. Ebenfalls schauen sie sich abstrakte Wörter an, weil es hier eine Überlappung zwischen den Sprachmodellen gibt, da auch Menschen abstrakte Begriffe vor allem sprachlich lernen und wiedergeben.

Liebe und KI

Doch was passiert, wenn eine Maschine etwas verstehen soll, das sich nur schwer in Worte fassen lässt? Liebe ist schließlich nicht nur ein Begriff, sondern auch mit persönlichen Erfahrungen, Erinnerungen und Emotionen verbunden. Genau hier stellt sich eine zentrale Frage des Projekts: Kann eine KI Liebe ähnlich verstehen wie ein Mensch oder lernt sie lediglich, wie Menschen über Liebe sprechen? Hierin liegt eine besondere Herausforderung: Sprachmodelle lernen die Bedeutung von Begriffen wie „Liebe“ aus Texten, die von Menschen produziert wurden. 

Das heißt, dass wir der KI beibringen müssen, was sie wirklich menschenähnlich macht und was davon wirklich emotional ist, weil Emotionen im menschlichen Gehirn eine Sonderstellung haben.

 Laura Bartylla, Teamleiterin des psychologischen Bereichs des Projekts

An diesem Punkt setzt die Forschung des DREAM-Teams an. Für ihre Forschung möchte das Team daher eine möglichst neue oder eher unbenutzte KI nutzen, um sie selbst mit Informationen füllen zu können. Dabei geht es um die Frage, ob sich die Bedeutungsstrukturen eines Sprachmodells verändern, wenn ihm gezielt vermittelt wird, welche Begriffe und Zusammenhänge emotional geprägt sind. Ein wichtiger Unterschied ist, dass diese Sprachmodelle nur die Sprache haben und nicht die Emotionen. Denn Emotionen werden beim Menschen sehr schnell und auch durch starke Reize verarbeitet. Das ist evolutionär sehr wichtig, da wir Menschen seit Beginn der Evolution Emotionen und Gefühle brauchen, um überleben zu können. Damals waren es Fluchtinstinkte bei einer Jagd, heutzutage eher das Gefühl, sich bei Gefahr abzuwenden. 

Die Daten, die bei der Nacht der Wissenschaft vorgestellt wurden, sind aus einer Vorstudie des DREAM-Teams. Die Datenerhebung wurde zunächst bei 120 Leuten in der ersten Studie und dann nochmal bei 100 in der zweiten Studie durchgeführt. Im Oktober fangen sie an, den Mensch-Maschinen-Vergleich anzusteuern. Ob eine KI „Liebe“ tatsächlich so versteht wie ein Mensch, wird sich dann zeigen. Genau dieser Frage will das DREAM-Team in den kommenden Studien weiter nachgehen.

Redigat: mp