Kultur

Der weibliche Körper als Projektionsfläche in der Kunst
Die vergangene Ausstellung „Monet – Cézanne – Matisse“ im Kunstpalast, welche die Scharf Collection zeigte, hielt vielerlei bekannte Werke bereit. Das Motto lautete Impressionismus, wodurch auch Künstler wie Claude Monet vertreten waren. Ein Raum ist dabei aber besonders hervorgestochen. Er war klein und an den Wänden hingen Bilder, auf denen Frauen abgebildet waren. In einem kurzen Infotext wurden der französische Maler Edgar Degas und seine Leidenschaft – das Zeichnen von Frauen und Mädchen in Alltagssituationen – erwähnt. Meist sind sie nackt. Von einer „Voyeur“-Perspektive war die Rede; als würde man durch ein Schlüsselloch spähen und die Frauen beim Waschen und Ankleiden beobachten. Ein paar Räume zuvor hing ein Bild Pierre Bonnards. Laut Infotext malte er am liebsten seine Frau – nackt und mit einem jungen Körper. Auch als sie schon über 70 war.
Sowas sieht man häufig, denn die Darstellung von Frauen ist keine Seltenheit in der Kunst. Gut gekleidete Frauen, glückliche Frauen, traurige Frauen, Frauen mit Kindern und nackte Frauen. Die Frage bleibt: Woran liegt es, dass Frauen von überwiegend männlichen Künstlern oftmals auf diese bestimmte Art und Weise gemalt werden? Und wie hat sich die Darstellung weiblicher Körper im Laufe der Jahrhunderte verändert?
Der Akt und seine Geschichte
Um darauf eine Antwort zu kriegen, muss man sich erstmal mit der Geschichte des Aktes, die bereits in der Antike startet, beschäftigen. Ein Akt ist das Zeichnen eines nackten, menschlichen Körpers, häufig mitten in der Bewegung. Somit haben Betrachter:innen das Gefühl, Teil der Situation zu sein. Die Darstellung eines Menschen im Naturzustand vor dem Hintergrund der Verhüllungsnorm zivilisierter Gesellschaften kann ganz unterschiedliche Emotionen hervorrufen – Freude, Scham, Lust. Es gibt unterschiedliche Erklärungsansätze, die jenen Gefühlen in Bezug auf Nacktheit auf den Grund gehen. Der Soziologe Norbert Elias beschreibt, wie der Mensch im Laufe der Zeit die Kontrolle und Regulation seiner Gefühle und Triebe erlernen musste, wodurch auch Nacktheit tabuisiert worden ist. Die Neugierde am Verbotenen: Gerade daher könnte die Faszination für den Akt kommen.
Während in der Antike und der Renaissance hauptsächlich der männliche Körper im Mittelpunkt stand, entwickelte sich im Barock ein weibliches Ideal, mit dem Höhepunkt der Erotisierung und Sexualisierung von Frauenkörpern. Was konkret durch die Nacktheit ausgedrückt werden soll, ist abhängig von der jeweiligen Epoche und den dazugehörigen sozialen und kulturellen Strukturen. Der männliche Akt verkörpert jedoch historisch meist dieselben Eigenschaften: Stolz, Ehrgeiz und weitere Charakteristika, die historisch gesehen dem stereotypischen Bild von Maskulinität entsprechen. Eva Styn, die momentan an der Heinrich-Heine-Universität promoviert, beschreibt, Abbildungen von Frauen wären stets an gesellschaftliche Normen und Ideale geknüpft gewesen, sie wären „z. B. zum Sinnbild der Schönheit, Reinheit und Fruchtbarkeit oder als Verführerin und Sünderin inszeniert“ worden. Die Verschiebung des Fokus von männlichen auf weibliche Körper wäreauch damit zu erklären, dass das Bild des Mannes lange Zeit mit dem Bild des Menschen gleichgesetzt wurde und als Maßstab für Proportionslehre galt, während Frauenkörper erst später, unter anderem im Zuge der Privatisierung im Kunstbetrieb, an Relevanz gewannen. „Der weibliche Akt dagegen kommt nur da zu seinem Recht, wo die Kunst sich nach dem Geschmack, den erotischen Phantasien von Privatbesitzern, richtet“, erklärte die Kunsthistorikerin Margaret Walters. Kurz gesagt heißt dies, dass die Darstellung des weiblichen Körpers vor allem zur damaligen Zeit eine bloße Projektionsfläche für männliche Begierden und somit eine Machtdemonstration war.

Die Medienwissenschaftlerin Laura Mulvey nennt dies den Male Gaze. Jener ist eine bestimmte Art des Betrachtens und Zuschauens, für die eine rein männliche Perspektive eingenommen wird. Dadurch wird die Identifikation von Betrachter:innen mit stereotypisch maskulinen Charakteristika und die Objektifizierung von Frauen begünstigt. Dies bestätigt sich vor dem Hintergrund, dass die Kunstwelt damals von Männern dominiert war. Frauen, denen andere Aufgaben und Rollen zugeschrieben worden waren, hatten es schwer, sich zu etablieren. Ihnen wurde der Zugang zu Bildungseinrichtungen wie der Kunstakademie in Düsseldorf verwehrt. Frauen ohne finanzielle Mittel für Privatunterricht hatten kaum Gelegenheit, sich professionell weiterzubilden. Die gemalten Frauen waren meist nicht mehr als Modelle. Für die Außenwelt blieben sie ohne Namen und Identität.

„Do Women Have To Be Naked To Get Into the Met. Museum?”
Diese Frage stellte die feministische Aktivistinnen-Gruppierung Guerrilla Girls 1989 in Form eines Plakats, das sie vor dem Metropolitan Museum of Art in New York aufhängten. „Less than 5 % of the artists in the Modern Art section are women, but 85 % of the nudes are female“, heißt es weiter. Auf dem Poster abgebildet ist eine abgewandelte Version des 1814 von Jean-Auguste-Dominique Ingres veröffentlichten Werkes „Große Odaliske“. Es zeigt eine nackte Frau von hinten. Die Guerrilla Girls verpassten ihr auf dem Plakat einen Gorilla-Kopf, ein enormer Stilbruch in dem sonst so perfekt wirkenden Abbild einer normschönen Frau.
Die Kritik richtet sich an Kunstmuseen, die hauptsächlich Werke männlicher Künstler ausstellen sowie Bilder, die den klassischen Male Gaze bedienen. Es gibt genug Künstlerinnen, die sich einfach noch keinen Namen machen konnten, was, wie der Protest suggeriert, auch an mangelndem Interesse der breiten Öffentlichkeit liegen könnte. Die Aktion ist daher ebenso ein Appell an Museumsgänger:innen, sich mehr damit auseinanderzusetzen, was sie überhaupt betrachten, und dadurch zu hinterfragen, wie man Frauen in der Kunst sichtbarer machen könnte.
Eine etwas andere Perspektive
Einen anderen Blickwinkel auf die Thematik gibt der in diesem Jahr veröffentlichte Bildband der Kunsthistorikerin Amy Dempsey. Sie beweist, dass weibliche Nacktheit mehr sein kann als nur die Darstellung aktueller Schönheitsideale und auch außerhalb eines erotischen Kontextes voller Bedeutung steckt.
Ein Beispiel hierfür ist die Künstlerin Artemisia Gentileschi, die von 1593 bis ca. 1652 lebte. Sie prägte mit ihren Werken die Zeit des Barocks, in denen sie klassische Rollenbilder aufbrach und auch den sexuellen Missbrauch verarbeitete, der ihr im Laufe ihres Lebens widerfahren ist. In Gentileschis Darstellung „Judith enthauptet Holofernes“, ein beliebtes Motiv zu ihrer Zeit, wird ein König von einer Frau und ihrer Magd enthauptet. In „Susanna und die Ältesten“ malt sie eine nackte junge Frau, die von zwei älteren Männern belästigt wird und sich dagegen zur Wehr setzt. Jene Werke verbinden Weiblichkeit mit Stärke, Brutalität und eigenen Bedürfnissen, was zu der Zeit konträr zur Erwartungshaltung der Gesellschaft gegenüber Frauen war.
Paula Modersohn-Becker, die auch in Dempseys Buch erwähnt wird, lebte von 1876 bis 1907 und widmete sich ebenfalls dem Malen von Frauen, vor allem während der Schwangerschaft. In ihren Werken wandte sie sich von den klassischen Schönheitsidealen ab, interpretierte die Aktmalerei mit ihrem Stil komplett neu und stellte die Emotionen des Modells in den Vordergrund, anstatt sie bloß zu kommerzialisieren.

Der Male Gaze und die Zukunft
Jahrhundertelange Objektifizierung, Sexualisierung und der Male Gaze – wie so oft ist die Thematik facettenreich. Es gibt Dutzende Künstler und vor allem Künstlerinnen, die eine andere, für alle Geschlechter greifbare Perspektive beim Malen eingenommen haben, die nur oftmals weniger kollektive Aufmerksamkeit erfährt. Die Kunstwelt ist ein breites Spektrum, und der Trend, weibliche Aktmalerei zu verändern, Modelle sinngemäß darzustellen und den Fokus nicht nur auf entblößte Genitalien zu legen, kann als erster Schritt gelten, dem Male Gaze unter Künstler:innen entgegenzuwirken.
Redigat: mf
