Zum Hauptinhalt springen

Wissenschaft

Man sieht ein Mikroskopiebild einer kleinen Moospflanze auf einer Agarplatte
Eine kleine Physcomitrium patens-Pflanze aufgenommen mit einem Stereomikroskop

Was Wissen schafft – der Code des Lebens neu gedacht

Ein Gastbeitrag von Dejan Andrejic

Auf dieser Seite

Erst war es eine Zelle, dann zwei und schließlich vier. Schon im Biologieunterricht an der Schule hat man gelernt, dass alles Leben aus Zellen besteht. Mal sind es Einzeller wie Bakterien und mal komplexe Organismen wie wir Menschen.

Die Evolution brachte uns diese enorme Vielfalt. Sie ist festgeschrieben in jeder einzelnen Zelle. Bei höheren Lebewesen im sogenannten „Zellkern“. Dort befindet sich das Genom. Dieses beinhaltet wie ein Lexikon alle wichtigen genetischen Informationen und Anweisungen. Es ist dieses Lexikon, das einen Baum zu einem Baum, und einen Menschen zu einem Menschen macht.

Wie der Mais zum Mais wurde

Betrachtet man sich nun einmal die Pflanzenwelt, erkennt man schnell, dass wir Menschen schon früh in der Lage waren, in diesen genomischen Lexika zu blättern und sie nach unseren Bedürfnissen auszuwählen. So hat die Domestizierung von Nutzpflanzen dazu geführt, dass aus der unscheinbaren Graspflanze Teosinte mit ihren grade einmal sechs bis zwölf harten Kernen über Jahrtausende heutiger, ertragreicher Mais gezüchtet wurde.

Um Domestizierung etwas anschaulicher zu machen, stelle man sich einen riesigen Stapel dieser Lexika vor, die im Grunde alle exakt gleich sein sollten. Doch einige haben ausgerissene Seiten, andere enthalten Druckfehler. Manchmal führt so ein zufälliger Fehler dazu, dass etwas völlig Neues, Nützliches entsteht. Nimmt man jetzt genau dieses abgewandelte Buch und macht davon Kopien, hat man die neue Version erfolgreich etabliert. Wiederholt man diesen Vorgang unzählige Male, hat man sich nach langer Zeit extrem vom Original entfernt und besitzt dennoch ein in sich schlüssiges, oft viel aufschlussreicheres Lexikon.

Was ist ein Gen?

Gene sind spezifische Abschnitte auf der DNA. Jeder dieser Abschnitte enthält einen Bauplan, der meist für ein bestimmtes Protein ist. Diese Proteine sind die eigentlichen Arbeiter der Zelle, die den Text des „Lexikons“ in die Tat umsetzen und für die Bildung von Strukturen wie grüne Blätter oder die Steuerung biologischer Prozesse wie die Rädchen der „inneren Uhr“ sorgen. Ein Gen ist somit die grundlegende Informationseinheit, die bestimmt, wie ein Lebewesen aussieht und funktioniert.

Synthetische Genomik und die Forschung an der HHU

Im Laufe der Zeit und mit fortschreitenden wissenschaftlichen Entwicklungen und Erkenntnissen haben Wissenschaftler:innen erkannt, dass wir nicht nur darin beschränkt sind, in diesen Lexika zu blättern, sondern auch eigenständig Kapitel aus anderen
Büchern einfügen und oder gezielt Seiten löschen zu können.

An der Heinrich-Heine-Universität wird genau daran geforscht. Im Institut für Synthetische Biologie in der Arbeitsgruppe von Dr. Uriel Urquiza-García beschäftigt sich die Gruppe mit der Etablierung eines vollkommen künstlichen Pflanzenchromosoms in dem Laubmoos Physcomitrium patens, was man verstehen kann als das Schreiben eines komplett eigenen Kapitels in dem genomischen Lexikon der Modellpflanze.

Entscheidend ist, dass dies vorher nicht möglich war. So wird das bestehende Chromosom also nicht nur „umprogrammiert“. In der Vergangenheit geschah dieses Umprogrammieren beispielsweise oft mit der bekannten Genschere CRISPR. Sie hat es uns erlaubt, in unseren Lexika Wörter auszutauschen, durchzustreichen oder Sätze zu korrigieren. Jetzt aber wird das Chromosom „von Grund auf neu gebaut“, wie Dr. Uriel Urquiza-García es auf seiner Homepage beschreibt. Man heftet also förmlich komplett leere Seiten in das Lexikon, um darauf eine völlig neue Geschichte zu verfassen.

Im Gespräch erwähnte Urquiza-García, worauf die Forscher:innen derzeit den Fokus legen: „Das Zentromer ist ein Schlüsselelement im Chromosom, und ohne es würde das Chromosom nicht vererbt werden.“ Dabei hebt er hervor: „Wir versuchen also wirklich, uns auf die riskantesten Aspekte der Chromosomenbiologie bei Pflanzen zu konzentrieren. Denn ohne diese spezielle Komponente wird sich die synthetische Genomik bei Pflanzen nicht weiterentwickeln können.“ Das Zentromer ist quasi der Buchrücken des Lexikons. Wenn sich eine Zelle teilt, muss sie Kopien aller Kapitel sicher in die neue Zelle transportieren. Fehlt der feste Buchrücken, fallen die neu geschriebenen Seiten auseinander und gehen verloren. Das Risiko, welches Dr. Urquiza-García erwähnte, liegt in der Komplexität und dem Aufwand, welcher erforderlich ist, diese Schlüsselelemente erfolgreich zu erforschen.

Damit wird den Forschern:innen durch die erschaffene Plattform also die Möglichkeit geboten, den Antworten auf die Fragen der Chromosomenbiologie und deren Schlüsselelemente einen Schritt näherzukommen.

Das Projekt an der HHU

Die Wurzeln der europäischen synthetischen Pflanzen-Genomik führen direkt an die Heinrich-Heine-Universität. Im Jahr 2022 wurde hier mit "Laying the foundations for plant synthetic genomics by creating a Plant Artificial Chromosome in Physcomitrium patens" das erste Pionierprojekt dieser Art in Europa ins Leben gerufen. Diese Grundlagenforschung auf internationalem Niveau wird heute gefördert durch den Exzellenzcluster CEPLAS und die US-amerikanische John Templeton Foundation.

Wofür man so ein künstliches Chromosom braucht

Das große Ziel der Düsseldorfer Forscherinnen und Forscher ist es dabei, die neu entstehende Plattform zu nutzen, um die zirkadiane Uhr, oder die sogenannte „innere Uhr“, der Pflanze zu erforschen. Doch was bedeutet das genau? Man kann sich das wie ein genetisches Uhrwerk vorstellen. Dieses tickt unermüdlich im Inneren der Zelle. Das Interessante dabei ist, dass dies unabhängig von äußeren Reizen passiert wie Licht oder Temperatur. Stellt man eine Pflanze also dauerhaft in einen Raum ohne Sonnenlicht und mit durchgehend gleicher Temperatur, wüsste sie trotzdem dank ihres inneren Uhrwerks exakt, wann eigentlich Tag und wann Nacht ist.

Das entstehende künstliche Pflanzenchromosom soll also dabei helfen, komplexe genetische Netzwerke, wie die „innere Uhr“, besser zu verstehen. Was passiert, wenn man zusammenhängende Sätze aus ihrem gewohnten Kapitel reißt und sie isoliert auf eine völlig leere, neue Seite schreibt. Urquiza-García veranschaulicht diese Frage im Gespräch mit einem Bild aus dem Alltag: „Stellen Sie sich Chromosomen wie Wohnhäuser vor und die Gene als deren Bewohner:innen. Wir wollen herausfinden: Reicht es aus, wenn die Gene der inneren Uhr einfach nur laut miteinander kommunizieren, oder müssen sie zwingend im selben Gebäude wohnen, um richtig zu funktionieren?“ So wollen die Forscher:innen herausfinden, ob die von der Evolution hervorgebrachte Lage der Gene essenziell ist oder ob sich diese Textbausteine verschieben lassen, ohne ihre Bedeutung zu verlieren.

Was die Zukunft bringen könnte

Gelingt es Dr. Urquiza-García, das synthetische Chromosom erfolgreich zu etablieren und die Regeln der Gen-Anordnung zu entschlüsseln, öffnet dies die Tür für viele neue Möglichkeiten in der Pflanzenforschung. Wenn wir verstehen, wie man die Baupläne des Lebens von Grund auf neu strukturiert, könnten in Zukunft eine neue Art Pflanzen entwickelt werden. Diese können im Kampf gegen den Klimawandel entscheidende Vorteile liefern, indem sie beispielsweise widerstandsfähiger gegen Hitze und Trockenheit sind. Zudem könnten neue medizinische Wirkstoffe produziert werden oder nachhaltigere Erträge geliefert werden. Auch soll Physcomitrium patens in Zukunft als eine Art sichere, biologische Fabrik dienen. Das Moos wird quasi zur universellen Plattform, auf der völlig neue Baupläne geschrieben werden können, die in der Natur so gar nicht vorkommen. „Ich sehe durchaus die Möglichkeit, dass potenziell das erste vollständig synthetische menschliche Chromosom, das in der Gentherapie […] eingesetzt wird, in dem Moos hergestellt werden könnte“, wagt Urquiza-García einen faszinierenden Ausblick im Gespräch. Die Forschung der Synthetischen Genomik in Düsseldorf zeigt einen Wandel, in dem wir nicht mehr nur aufmerksame Leser:innen sind, die auf zufällige Druckfehler in Lexika hoffen, sondern Autoren:innen, die eine völlig neue Geschichte darin schreiben.

Ich denke, es sollte eine offene Diskussion mit allen beteiligten Akteure:innen geben, der Gesellschaft als Ganzes, […] Philosoph:innen und Künstler:innen […] lass uns ein cooles Moos entwerfen, das irgendwas Verrücktes macht!

 

Das Gespräch mit Dr. Urquiza-García wurde auf Englisch geführt und sämtliche angeführten Zitate wurden ins Deutsche übersetzt. Dr. Urquiza-García lädt Studierende und Interessierte aller Bereiche ein, sich bei dem Projekt zu beteiligen und das Geschehen zu diskutieren.  

Infos zur Gruppe findet man hier

Die Mikroskopbilder wurden aufgenommen am Institut für Synthetische Biologie der HHU, geleitet von Prof. Dr. Matias Zurbriggen.