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Wissenschaft

Ablenkungen am Schreibtisch (Foto: Isabella Zitzer)

Echtes Problem oder doch nur Faulheit?

Ein Gastbeitrag von Isabella Zitzer

Auf dieser Seite

Die Abgabefrist rückt näher, doch das Dokument auf dem Bildschirm ist noch immer leer. Statt an der Hausarbeit zu schreiben, wird der Schreibtisch sortiert, die Wäsche zusammengelegt oder noch einmal kurz das Handy in die Hand genommen. Eigentlich soll es morgen losgehen – doch aus morgen wird oft übermorgen. Dieses Szenario kennen viele Studierende. Hinter dem Prokrastinieren steckt jedoch meist mehr als nur mangelnde Motivation. 

Aus morgen wird übermorgen

Prokrastination bezeichnet das freiwillige Aufschieben einer geplanten und wichtigen Aufgabe, obwohl bekannt ist, dass dadurch Nachteile entstehen können. Im Studienalltag zeigt sich Prokrastination beispielsweise beim Verfassen von Hausarbeiten, der Prüfungsvorbereitung oder anderen organisatorischen Aufgaben.

Nicht jedes Aufschieben ist jedoch automatisch problematisch. „Die allermeisten Menschen schieben mal etwas auf“, äußert Dr. Frank Meyer, geschäftsführender Leiter des Weiterbildungsstudiengangs Psychologische Psychotherapie und der Psychotherapeutischen Institutsambulanz der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Psychotherapeutisch relevant werde Prokrastination erst, wenn durch das Aufschieben ein erheblicher und anhaltender Leidensdruck entstehe – etwa, weil wichtige Ziele ernsthaft gefährdet sind oder nicht mehr erreicht werden können.

Dr. Frank Meyer beschreibt Prokrastination als einen Kreislauf: Betroffene fühlen sich von ihren Aufgaben überfordert und wenden sich Tätigkeiten zu, die im jeweiligen Moment attraktiver erscheinen. Das können Freizeitaktivitäten sein, aber auch Putzen, Aufräumen oder andere scheinbar produktive Aufgaben. Kurzfristig bringt das Erleichterung. Danach kehren das schlechte Gewissen, Stress und die Selbstabwertung jedoch häufig umso stärker zurück.

Wenn Freiheit zur Herausforderung wird

Das Studium bietet viel Freiheit. Studierende können häufig selbst entscheiden, welche Veranstaltungen sie besuchen, wann sie für eine Prüfung lernen oder wann sie mit einer Hausarbeit beginnen. Genau diese Freiheit kann zur Herausforderung werden. „Dies ist der Einstiegspunkt für Prokrastination, den es in anderen Berufsfeldern in diesem Ausmaß oft schlicht nicht gibt“, erklärt Meyer. Auch Bachelor- und Masterstudiengänge seien zwar stärker strukturiert als früher, ließen aber weiterhin viel Raum für die eigene Zeit- und Aufgabenplanung, die es in anderen Jobs oft nicht gibt. Gerade wissenschaftliche Arbeiten machen den Einstieg oft schwer. Der erste Schritt ist nicht immer eindeutig, das Projekt wirkt groß und unübersichtlich. Dadurch kann der Arbeitsbeginn immer weiter hinausgeschoben werden.

Die höchste Anfälligkeit entsteht bei viel Entscheidungsfreiheit,
wenig gelernter Arbeitsstruktur und einem relativ
hohen Leistungsanspruch an sich selbst.

Dr. Frank Meyer

Mehr als nur Aufschieben

Prokrastination hat meist nicht nur eine Ursache. Eine wichtige Rolle kann Versagensangst spielen: Wer befürchtet, den eigenen oder fremden Erwartungen nicht gerecht zu werden, schiebt wichtige Aufgaben eher auf. Auch Perfektionismus erschwert den Einstieg. Der Anspruch, von Anfang an perfekte Ergebnisse zu liefern, setzt viele Betroffene unter Druck – und verhindert oft den ersten Schritt.

Meyer beobachtet in seiner psychotherapeutischen Arbeit außerdem, dass Perfektionismus und Überforderung häufig zusammenwirken. Viele Betroffene hätten in der Schulzeit gute Leistungen erzielt und dadurch hohe Ansprüche an sich selbst entwickelt. Im Studium funktioniere die bisherige Arbeitsweise jedoch oft nicht mehr. Trotzdem hielten sie an der Vorstellung fest, unter Druck besonders gut arbeiten zu können. Rückschläge führen in solchen Fällen nicht unbedingt zu einer Veränderung der eigenen Strategie. Stattdessen versuchen Betroffene häufig, versäumtes am nächsten Tag durch noch mehr Arbeit auszugleichen. Das kann die Überforderung weiter verstärken.

Auch Schwierigkeiten bei der Zeitplanung, fehlende Prioritäten und geringes Selbstvertrauen können das Aufschieben begünstigen. Wer an den eigenen Fähigkeiten zweifelt, beginnt mit einer schwierigen Aufgabe unter Umständen gar nicht erst.

Wann Aufschieben zum Problem wird

Kurzfristig verschafft das Verschieben einer unangenehmen Aufgabe oft Erleichterung. Langfristig entsteht jedoch häufig das Gegenteil: Der Zeitdruck wächst, Stress und Schuldgefühle nehmen zu und die Motivation sinkt weiter. So entsteht ein Kreislauf, in dem das Aufschieben immer stärker wird, die Aufgaben weiter anwachsen und das Wohlbefinden beeinträchtigt wird.

Die Folgen zeigen sich auch im Studium. Wer regelmäßig erst kurz vor einer Prüfung oder Abgabe beginnt, schöpft das eigene Leistungsvermögen möglicherweise nicht aus. Dr. Meyer unterscheidet dabei zwischen klassischer Prokrastination und Situationen, in denen Betroffene grundsätzlich an ihren Fähigkeiten zweifeln. Bei klassischer Prokrastination sind die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten häufig vorhanden – das Problem besteht eher darin, die Leistung zum entscheidenden Zeitpunkt abzurufen.

Bei starkem und anhaltendem Leidensdruck kann Prokrastination zudem mit psychischen Belastungen einhergehen. Laut Meyer weisen viele Betroffene, die deswegen psychotherapeutische Hilfe suchen, auch depressive Symptome auf. Das bedeutet nicht, dass jedes Aufschieben eine Depression verursacht. Es zeigt aber, dass eine anhaltende Beeinträchtigung des Alltags ernst genommen werden sollte.

Aller Anfang ist schwer

Eine Patentlösung gegen Prokrastination gibt es nicht. Verschiedene Strategien können jedoch dabei helfen, das Aufschiebeverhalten zu verringern. Besonders hilfreich sind Maßnahmen, die den Studienalltag besser strukturieren. Dazu gehören realistische Ziele, eine frühzeitige Planung, klare Prioritäten und ein bewusster Umgang mit der eigenen Zeit.

Dr. Frank Meyer sieht in der Behandlung zwei wesentliche Ansatzpunkte: Zum einen sollten Selbstwert und Stimmungslage stabilisiert werden, zum anderen sollten Selbststrukturierungs- und Problemlösefähigkeiten gezielt aufgebaut werden. Bei starker psychischer Belastung müsse zunächst die psychische Gesundheit im Mittelpunkt stehen. „Psychische Gesundheit ist im Zweifel wichtiger als die Optimierung des Leistungsvermögens“, schreibt Meyer.

Studierenden, die regelmäßig bis kurz vor der Deadline warten, empfiehlt Meyer zunächst, die eigenen Gewohnheiten und Überzeugungen zu hinterfragen. Häufig stecke dahinter die Annahme, unter Zeitdruck besser arbeiten zu können. Hilfreich sei es stattdessen, sich einen Überblick über die anstehenden Aufgaben zu verschaffen und diese in möglichst kleine Teilschritte zu zerlegen. Je hartnäckiger die Prokrastination, desto kleiner sollten die einzelnen Schritte sein. Auch Verbindlichkeit und bewusst eingeplante Belohnungen können den Einstieg erleichtern. Rückschläge sollten dabei nicht als persönliches Scheitern verstanden werden, sondern als Chance, die eigene Strategie anzupassen.

Wenn eigene Strategien nicht ausreichen und Prokrastination den Studienalltag dauerhaft beeinträchtigt, kann die allgemeine Studienberatung eine erste Anlaufstelle sein. Dort können Studierende häufig zeitnah und unkompliziert Unterstützung erhalten. Bei starkem Leidensdruck oder einer ausgeprägten depressiven Symptomatik kann psychotherapeutische Hilfe notwendig sein. Studierende können sich in diesem Fall direkt an die Psychotherapeutische Institutsambulanz der HHU wenden.

Prokrastination gehört für viele Studierende zumindest zeitweise zum Studienalltag. Sie ist jedoch kein Zeichen von Faulheit oder mangelnder Intelligenz, sondern ein gut erforschtes Verhalten mit unterschiedlichen psychologischen und strukturellen Ursachen. Wer versteht, warum das Aufschieben entsteht, kann gezielt gegensteuern – und den ersten Satz der Hausarbeit vielleicht doch schon heute schreiben.