Politik

Whataboutism lässt Debatten sterben
Ein Gastbeitrag von Suyla Gürsoy
„Aber was ist mit …? In öffentlichen Debatten geht es immer öfter weniger um das stärkste Argument als darum, das Gespräch umzulenken. Whataboutism ist eine solche Strategie: Kritik wird nicht beantwortet, sondern von Problem A auf Problem B verschoben, ohne eine Lösung zu liefern.
Was ist Whataboutism?
Whataboutism tarnt sich oft als legitimer Einwand, ist aber eine Ablenkungstaktik. Das heißt nicht, dass es inhaltlich falsch sein muss, doch es fördert die Debatte nicht. Es verschiebt sie auf ein Thema B, ohne eine Lösung für Thema A zu finden. Hier ein Beispiel: Ben meint: „Tiere spielen in der Politik eine große Rolle. Es wird politisch oft dafür entschieden, dass sie leiden müssen, obwohl sie nie Teil der Debatte sind.“, woraufhin Annika antwortet: „Ja, aber Kinder haben auch kein Mitspracherecht und leiden teils unter politischen Entscheidungen.“
Durch ihre Aussage rutscht der Fokus auf ein neues Opfer: Kinder. Der Rahmen bleibt zwar mit Opfern von politischen Entscheidungen, die vom Diskurs ausgeschlossen werden, allerdings werden die Tiere, um die es eigentlich geht, nicht weiter aufgegriffen. Es findet sich somit keine Lösung für das Problem. Doch ist es nicht naheliegend, zu benennen, dass es auch andere Opfer gibt? Naheliegend bestimmt, an sich auch nicht fatal, hätte Ben gefragt, wer denn noch Opfer politischer Entscheidungen sei, aber das hat er nicht.
Unterscheid zu Vergleichen
Ein Beispiel für einen Vergleich auf Bens Aussage wäre: „In Ländern, in denen es Tierschutzgesetze gibt, werden Tiere in politischen Entscheidungen zumindest mehr von Leid befreit als in solchen, in denen es keine gibt.“ Noch immer handelt es sich darum, dass Tiere in politischen Debatten oft zu kurz kommen, allerdings wird der Rahmen durch die Relevanz von Tierschutzgesetzen erweitert und man vergleicht Länder, in denen sie bestehen, mit denen, in denen sie es nicht tun. Daraus wird der Schluss gezogen, dass diese Gesetze Tiere vor Leid schützen können. Es ergeben sich mehrere Optionen, in der Debatte vorzugehen.
- Option A: Man stimmt der Ausgangsthese zu, indem man sagt, trotz Tierschutzgesetzen leiden Tiere, diese sind also noch nicht optimal, zudem sie nicht überall gelten.
- Option B: Man stimmt teilweise zu und meint, Tiere leiden zwar und sind nicht direkt gefragt, ihre Interessen werden durch Tierschutzgesetze aber trotzdem vertreten, sodass diese schon Teil der Debatte sind.
- Option C könnte sein, die Ausgangsthese wäre im Ganzen falsch, da das Bestehen von Tierschutzgesetzen, zumindest in manchen Ländern, Tiere wohl mit einbeziehen und Leid verhindern würde. Doch schleicht sich hier nicht Whataboutism ein? Was sagt Option C genau aus?
Vorher hat man darüber gesprochen, dass es Tierschutzgesetze gibt, wodurch mehr auf die Interessen der Tiere eingegangen wird, allerdings bleibt man dabei, dass ihr Leid relevant ist. Option C sagt: „What about Länder, in denen Tierschutzgesetze gelten?“ und lässt die Ausgangsthese somit unbehandelt.
Ein Vergleich testet ein Argument an einem Fall, versucht, diesen zu analysieren, um Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zu finden, und kehrt dann zum Ausgangsfall zurück, um sich durch erweiterten Rahmen, neuen Kontext, Lösungen oder eine Position zu bilden. Whataboutism hingegen macht ein neues Thema auf, schiebt die Diskussion auf und lässt das eigentliche Thema unbehandelt.
Doch warum wird Whataboutism dann genutzt?
Durch das Ablenken verschiebt sich der Diskurs und es wird keine Lösung gefunden. Dadurch entstehen Frustration, Verwirrung und Verunsicherung, ob das eigene Argument oder Thema vielleicht unwichtig sei. Nicht immer wird Whataboutism bewusst genutzt. Bei fehlenden Argumenten oder beim Versuch, sich in die Debatte einzubringen, kann es passieren, dass man unabsichtlich Whataboutism benutzt. Ein weiterer Grund kann sein, sich verteidigen zu wollen oder dem Gespräch aus dem Weg zu gehen, indem man das Thema wechselt. Whataboutism wird allerdings auch genutzt, um den Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin zu überrumpeln oder zu provozieren, indem man vorwurfsvoll antwortet. Im politischen Kontext dient er häufig als Werkzeug für Propaganda.
Ob bewusst oder unbewusst, führt Whataboutism schnell zum Debattentod, denn wenn man ihn nutzt, weicht man dem eigentlichen Thema aus und führt ein neues ein, sodass die eigentliche Debatte stirbt.