Politik

Was die Briten mit NRW zu tun haben
Zum runden Geburtstag feiert das bevölkerungs- und wirtschaftsstärkste Bundesland ordentlich. Darum lud am 25. August die Deutsch-Britische-Gesellschaft ins Haus der Universität ein, um die „Friendship“ gemeinsam zu reflektieren.

Was ist „Operation Marriage“?
„Operation Marriage“ ist das Codewort der Briten für die Vereinigung der ehemaligen preußischen Provinzen Nordrhein (davon die nördlichen Regierungsbezirke Aachen, Düsseldorf und Köln) mit der Provinz Westfalen. Am 23. August 1946 gab die britische Militärregierung diese Zusammenlegung bekannt und fügte wenige Monate später, am 21. Januar 1947, das Land Lippe an. Als erster Ministerpräsident wurde Dr. Rudolf Amelunxen eingesetzt, welcher zuvor Oberpräsident Westfalens und Mitglied im Zonenbeirat der britischen Besatzungszone war.
Warum die Entstehung von NRW keine „Zwangsheirat“ war
Den Hauptvortrag im Haus der Universität hielt Dr. Guido Hitze als Leiter des Instituts für Landeszeitgeschichte NRW der Heine-Uni. Er klärte einige Entstehungsmythen auf und nannte prominente Bezeichnungen wie „Bindestrichland“ oder „Kunstgebilde“, welche die Idee einer Vereinigung von Nordrhein und Westfalen als beispiellos, traditionslos oder gänzlich neuartig charakterisieren würden. Dabei handelt es sich jedoch um ein weitverbreitetes Missverständnis. Denn die Idee, Nordrhein und Westfalen zusammenzulegen, ist kein Geniestreich der Briten. Zuvor hatten schon viele Deutsche Prototypen kartografiert, z. B. der Wirtschaftsingenieur Hans Baumann. Dieser zog bereits 1922 die südliche Landesgrenze zwischen den Regierungsbezirken Köln und Koblenz bzw. Aachen und Trier. Auch einige Jahre später wurde diese Idee von der Widerstandsbewegung um das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 aufgegriffen. Fritz-Dietlof von der Schulenburg und Co. entwarfen den „Plan der großen Einheiten“, mit dem ein vom Nationalsozialismus befreites Deutschland in zehn Verwaltungseinheiten geteilt werden sollte.

Dabei sollte es das Land „Niederrhein-Westfalen“ geben, welches das heutige NRW um das Emsland, das Oldenburger Münsterland und den Raum Osnabrück erweitert hätte. Die konkrete Gründung NRWs erfolgte allerdings 1946 durch die britische Militärregierung. Die Briten griffen dabei auf die bereits bestehenden deutschen Überlegungen zurück.
Dr. Hitze macht das Scheitern der deutschen Pläne an den Herausforderungen der Zeit fest: das Konkurrenzverhältnis zwischen Preußen und dem Reich und die Reformgegner aus den preußischen Provinzen und anderen Ländern. Mit dem Wegfall dieses Kräftemessens nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch dem Verlust der Entscheidungshoheit der Deutschen, hatten die Briten laut Dr. Hitze „Autorität, Macht und Möglichkeit, um den aus Weimar geerbten Gordischen Knoten in Sachen Neugliederung zu durchschlagen“.
Was ist die „Kensington Treaty“?
Am 17. Juli 2025 unterzeichneten der britische Premierminister Keir Starmer und Bundeskanzler Friedrich Merz einen Freundschaftsvertrag zwischen den beiden Ländern, der stärkere wirtschaftliche Kooperationen und Maßnahmen für die Sicherheitspolitik verspricht. Der sogenannte „Kensington Treaty“-Vertrag gilt als ein Symbol für eine neue Phase der deutsch-britischen Beziehungen im Angesicht der aktuellen geopolitischen Weltlage.
Kensington Treaty als Marker einer neuen Ära
Nathanael Liminski, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien, beteuerte, dass die Landesregierung NRW immer deutlich gemacht hat, dass man sich mit Großbritannien zusammengehörig fühlt. Auch nach dem Brexit möchte man die Zusammenarbeit weiterführen und sich an den Inhalten des vergangenes Jahr unterzeichneten Kensington Treaty orientieren.
Mit Blick auf die versprochene Direktbahnverbindung zwischen London und Deutschland räumte Liminski mit dem Gerücht auf, NRW könnte bei der Streckenplanung leer ausgehen. Er stellte mindestens einen Halt in Köln in Aussicht. Es ginge dabei auch darum, ein Gefühl von Selbstverständlichkeit zu erwecken. Wenn man wisse, dass ein Ort erreichbar ist, verspüre man größere Nähe.


In einer Podiumsdiskussion wurde über die aktuellen Entwicklungen in der deutsch-britischen Freundschaft gesprochen. Die Panelisten waren Rafe Courage, ehemaliger Generalkonsul in Düsseldorf, Henning Höne (FDP), Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der deutsch-britischen Parlamentariergruppe, Jake Benford, EU-Außenpolitikexperte der Bertelsmann Stiftung, und Birgit Schäfer vom Landesbildungsministerium. Courage und Höne stimmten überein, dass sich in beiden Ländern seit den letzten drei Jahren die Spannungen aufgrund des Brexits gelöst und sich die Einstellungen zueinander verbessert hätten. Grund dafür sei unter anderem der gravierende Einschnitt des russisch-ukrainischen Kriegs und die damit veränderte Weltlage, sagt Jake Benford. Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich sei auch sichtbar an der Zunahme von europäischen Freundschaftsabkommen, wie dem Kensington Treaty.
Diese Entwicklung zeigt sich auch im Bildungsbereich. So können Schülergruppen visafrei und ohne Reisepass ins Vereinigte Königreich einreisen – seit dem 01. August per Schülersammellistenverfahren. Zudem ist das Vereinigte Königreich ab 2027 wieder beim Erasmus+-Programm dabei.
Birgit Schäfer betont zudem die große Anzahl an Bewerbungen am UK-Stipendienprogramm nrw:exchange. Dabei werden Sprachreisen für Schüler:innen und Praktika für Azubis organisiert und finanziert. Zum Abschluss äußerten sich die Podiumsgäste zu ihren Erwartungen an eine weitere Stärkung der deutsch-britischen Partnerschaft und zeigten sich einvernehmlich optimistisch. Auch wenn die Beziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich derzeit schwierig seien, gebe es Grund zur Hoffnung für die deutsch-britischen Beziehungen, so Benford.
Das Jubiläum diente somit als eine Möglichkeit, die Leistungen der Vergangenheit zu bilanzieren, sich jedoch auch vor Augen zu führen, was für die deutsch-britische Freundschaft noch alles möglich ist.
Redigat: jm


