Politik

Warum die Fußball-WM 2026 ein Warnsignal war
Ein Gastbeitrag von Finn Bierbaum
Die Weltmeisterschaft 2026 in Mexiko, Kanada und den USA ist zu Ende und hat mit Spanien ihren Sieger gefunden. Im Finale gegen Argentinien war es Ferran Torres, der La Furia Roja – wie der Spitzname der spanischen Nationalmannschaft lautet – in der 106. Minute mit einem satten Schuss unter die Latte zum 1:0 und damit zum zweiten WM-Titel nach dem Erfolg 2010 schoss. Es war ein zähes Endspiel vor rund 80.000 Zuschauer:innen, in dem Argentinien fast nur verteidigte – und ein passender Schlusspunkt für ein Turnier, das sportlich viele Geschichten schrieb, organisatorisch aber ebenso viele Fragen aufwarf.
Fußballerische Highlights trotz allem
Auch sportlich lieferte das Turnier große Geschichten. Kap Verde, mit rund 500.000 Einwohnern kleinster afrikanischer WM-Teilnehmer überhaupt, spielte sich als Debütant in die Herzen der Fans: Unentschieden gegen Spanien und Uruguay und der Einzug ins Sechzehntelfinale, wo sich die „Blauhaie“ – so der Spitzname der kapverdischen Nationalmannschaft – erst Titelverteidiger Argentinien mit 2:3 nach Verlängerung geschlagen geben mussten. Auch auf dem Rasen wurde Geschichte geschrieben: Lionel Messi löste Miroslav Klose als ewigen WM-Rekordtorschützen ab, ehe ihm sein früherer PSG-Kollege Kylian Mbappé mit einem Doppelpack im Spiel um Platz drei gegen England die Krone streitig machte und mit 22 Turniertoren zum alleinigen Rekordhalter wurde.
FIFA-Gier und teils horrende Ticketpreise
Doch je länger das Turnier dauerte, desto lauter wurde der Unmut. Schon für einfache Gruppenspiele mussten Fans teils über mehrere Tausend Dollar hinlegen, gerade für das Finale trieb die FIFA mit ihrer sogenannten „dynamischen Preisgestaltung“ die Ticketkosten in schwindelerregende Höhen. So weit, dass US-Staatsanwälte wegen des Verdachts auf Preiswucher zu ermitteln begannen. Auch innerhalb der Stadien schlug die Kommerzialisierung erbarmungslos zu. Essen, Getränke und Merchandise wurden zum Luxusgut. Kurz nach dem Abpfiff des Finales setzte FIFA-Präsident Gianni Infantino dann noch einen drauf: Sein Plan, Anteile einer neuen WM-Vermarktungsgesellschaft an private Investoren zu verkaufen, brachte selbst die UEFA gegen ihn auf, die von einer drohenden „Zerstörung der Seele des Fußballs“ sprach.
Sportliche Abwertung durch den 48-Team-Modus
Auch auf dem Rasen zeigte die Reform ihre Kehrseite. Mit der Aufstockung von 32 auf 48 Mannschaften wuchs das Turnier von 64 auf 104 Partien an – viele davon boten deutlich schwächeres Niveau als frühere Weltmeisterschaften. Weil zusätzlich die acht besten Gruppendritten weiterkamen, verkam die Vorrunde streckenweise zu einem Rechenspiel aus Tabellenkalkulationen und Taktiererei, statt spannungsgeladene Entscheidungsspiele zu erzeugen.

Logistik, Klima und Reisestrapazen
Die schiere Größe des Austragungsgebiets – USA, Kanada und Mexiko – bescherte Teams und Fans immense Reisewege und ständige Zeitzonenwechsel. Wegen der extremen Hitze in Nordamerika ordnete die FIFA in jedem der 104 Spiele zwei verpflichtende dreiminütige Trinkpausen an, offiziell zum Schutz der Spieler. In der Praxis wurden daraus vor allem Werbepausen: TV-Sender vermarkteten die Unterbrechungen gezielt als neues, teures Werbefenster, und die Übertragungsregeln schrieben vor, dass die Kamera erst kurz vor Spielfortsetzung wieder zurück aufs Feld schwenken durfte. In etlichen Partien bedeutete das für die Spieler, länger am Seitenrand zu warten, als sie eigentlich bräuchten – eben bis der Werbeblock im Fernsehen zu Ende war. Was als Fürsorge um die Gesundheit der Spieler verkauft wurde, entpuppte sich so vor allem als lukrative Einnahmequelle für Sender und FIFA. Ökologisch dürfte diese WM durch die permanente Fliegerei zudem zu einer der klimaschädlichsten der Geschichte werden.

Show statt Sport
Wie sehr sich die FIFA inzwischen am Super Bowl orientiert, zeigte spätestens das Finale selbst. Erstmals in der 96-jährigen WM-Geschichte ließ der Weltverband eine opulente Halbzeitshow mit Madonna, Shakira, Justin Bieber und BTS auffahren – kuratiert von Coldplay-Frontmann Chris Martin. Das Problem: Die Regeln des International Football Association Board erlauben eine Halbzeitpause von maximal 15 Minuten, eine Verlängerung ist offiziell nur mit Erlaubnis des Schiedsrichters und eigentlich für Notfälle vorgesehen. Für die Show wurde daraus kurzerhand eine Pause von rund 27 Minuten. Besonders befremdlich wirkte das, weil dieselbe Regelinstanz erst 2021 einen Antrag des südamerikanischen Verbands CONMEBOL abgelehnt hatte, die Halbzeitpause dauerhaft auf 25 Minuten auszudehnen – mit der Begründung, eine derart lange Inaktivität könne der Gesundheit und Sicherheit der Spieler schaden. Für die eigene Show bog die FIFA ihr Regelwerk, das sie anderen gegenüber so streng verteidigt, einfach zurecht.
Politische Konflikte und Visa-Chaos
Sportlich fragwürdig wurde es zudem, als US-Präsident Donald Trump direkt in den Turnierverlauf eingriff: Nachdem US-Stürmer Folarin Balogun die Rote Karte gesehen hatte, intervenierte Trump – und die FIFA setzte die Sperre kurzerhand auf Bewährung aus. Ein Skandal um politische Einflussnahme, wie ihn der Fußball selten erlebt hat.
Besonders eklatant war der Fall des iranischen Teams. Weil die USA mehreren Funktionären und Betreuern der Delegation die Visa verweigerten, boykottierte der iranische Verband bereits die Auslosung im Dezember 2025. Während des Turniers durfte die Mannschaft jeweils erst 24 Stunden vor einem Spiel einreisen und musste die USA noch am Spieltag wieder verlassen – der Iran quartierte sich deshalb im mexikanischen Tijuana ein und pendelte von dort zu seinen Partien. Mehreren Betreuern und Funktionären blieb die Einreise über das gesamte Turnier hinweg verwehrt. Kapitän Mehdi Taremi rechnete öffentlich mit der FIFA ab: Der Verband löse „jedes kleine Problem“, aber das des iranischen Teams habe er von Anfang an nicht lösen können – obwohl Infantino nach dem Auftaktspiel persönlich in der Kabine gewesen sei und Besserung versprochen habe. Am Ende blieb es bei Ankündigungen; für den Iran änderte sich nichts.
Wie weit diese Härte ging, zeigte auch der Fall des somalischen Schiedsrichters Omar Artan. Ihm wurde ein reguläres Visum verweigert, weshalb der somalische Verband ihn mit einem Diplomatenpass ausstattete; auch damit wurde ihm bei der Einreise in Miami die Einreise verwehrt, offiziell aus „Sicherheitsgründen“, ohne dass ihm eine konkrete Begründung genannt wurde – Somalia steht auf einer Einreiseverbotsliste der US-Regierung. Er wäre der erste somalische Unparteiische bei einer Weltmeisterschaft gewesen. Die FIFA erklärte lediglich, sie habe keinen Einfluss auf die Einreisepolitik des Gastgeberlandes. Dass ausgerechnet ein von der FIFA selbst nominierter Offizieller so behandelt wurde, warf ein bezeichnendes Licht auf die Entscheidung, ein Turnier dieser Größenordnung in die USA zu vergeben.
Auch das Finale selbst geriet zur politischen Bühne. Nach der Pokalübergabe an Spaniens Kapitän Rodri blieb Trump demonstrativ mitten im Jubel der spanischen Mannschaft stehen, statt wie üblich wegzutreten – begleitet von Pfiffen, schon zum zweiten Mal nach seinem ähnlichen Auftritt bei der Klub-WM im Vorjahr. Erst nach mehreren Versuchen von FIFA-Chef Infantino, ihn zur Seite zu lotsen, verließ er die Bühne. Der spanische Verband reagierte auf seine Weise: Auf dem offiziellen Siegerfoto, das Spanien anschließend verbreitete, fehlte Trump. Vergleichsbilder legten nahe, dass er nachträglich heraus retuschiert wurde. Mikel Merino sorgte derweil live auf dem Podium für einen Lacher, als er Trumps gewöhnungsbedürftigen Tanz vor laufenden Kameras nachahmte. Ein passendes Bild für ein Turnier, bei dem sich Politik und Fußball bis zur letzten Minute nicht voneinander lösen ließen.
Der nächste Skandal ist schon vorprogrammiert
Wer nun auf Besserung hofft, dürfte enttäuscht werden. Nach Russland, Katar und jetzt den USA, Kanada und Mexiko soll die WM 2030 als hundertjähriges Jubiläum über drei Kontinente verteilt werden – mit Spanien, Portugal und Marokko als Hauptausrichtern sowie Eröffnungsspielen in Uruguay, Argentinien und Paraguay. Danach ist für 2034 bereits Saudi-Arabien gesetzt, ein Beschluss, den die FIFA schon im Dezember 2024 im Grunde ohne echtes Bewerbungsverfahren durchwinkte.
Wie die FIFA das organisierte, liest sich wie ein Lehrstück in Sachen Vergabe-Kosmetik. Erst im Oktober 2023 beschloss der Verband sein Rotationsprinzip neu: Ein Kontinentalverband, der die WM ausrichtet, ist danach für die nächsten beiden Turniere gesperrt. Da 2026 in Nordamerika und 2030 auf drei Kontinenten mit Europa, Afrika und Südamerika stattfinden, blieben für 2034 rechnerisch nur noch Asien und Ozeanien übrig. Für die Bewerbung ließ die FIFA den Mitgliedsverbänden gerade einmal knapp vier Wochen Zeit, bis Ende Oktober 2023 Interesse anzumelden – zu kurz, um eine ernsthafte Konkurrenzbewerbung aufzubauen. Der asiatische Kontinentalverband AFC, dem ein enger Einfluss der Golfstaaten nachgesagt wird, positionierte sich früh hinter Saudi-Arabien; der einzige denkbare Rivale, Australien, zog seine Bewerbungsabsicht noch vor Fristende zurück. Übrig blieb ein einziger Kandidat. Im Mai 2024 beschloss der FIFA-Rat zusätzlich, über die Gastgeber für 2030 und 2034 gemeinsam in einer einzigen Blockabstimmung entscheiden zu lassen – wer gegen Saudi-Arabien stimmen wollte, hätte damit auch Spanien, Portugal und Marokko eine Absage erteilt. Die eigentliche Kür erfolgte im Dezember 2024 dann nicht per geheimer Wahl, sondern per Akklamation auf einem virtuellen Kongress aller 211 Mitgliedsverbände – ein Verfahren, das offenen Widerspruch praktisch unmöglich macht. Zum Zeitpunkt der Entscheidung waren elf der 15 geplanten Stadien noch nicht einmal gebaut.

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch halten diese Vergabe für besonders gravierend – teils sogar kritischer als die WM 2022 in Katar. Grundlage sind unter anderem Berichte über Zwangsarbeit, Lohndiebstahl und fehlenden Schutz vor extremer Hitze auf saudischen Großbaustellen, auf denen bereits Tausende Arbeitsmigrant:innen ums Leben gekommen sein sollen; über Anwohner:innen, die für staatliche Bauprojekte wie die Megastadt Neom zwangsweise umgesiedelt wurden; über Aktivist:innen, die wegen friedlicher Meinungsäußerung zu jahrzehntelangen Haftstrafen verurteilt werden; sowie über die anhaltende rechtliche Diskriminierung von Frauen und queeren Menschen. In internationalen Indizes zu Presse- und Internetfreiheit sowie im Democracy Index schneidet Saudi-Arabien entsprechend schlecht ab. Die eigene Menschenrechts-Risikoprüfung der FIFA stufte die Bewerbung dennoch nur mit „mittlerem Risiko“ ein und sah darin sogar „erhebliche Möglichkeiten für positive Auswirkungen“ – eine Einschätzung, die Kritiker angesichts der Faktenlage als beschönigend zurückweisen. Eine Vergabepraxis, die zeigt: An der Selbstkritik der FIFA hat sich seit Katar wenig geändert, an ihrer Gier ums große Geld ebenso wenig.