Politik

Tilly trotzt Moskau
Der Bildhauer Jacques Tilly hat am Rosenmontag 2026 mit höchst kreativen Mottowagen die Karnevalsszene in Düsseldorf staunen lassen. Bekannt für seine schonungslose Satire auf Weltpolitik und Innenpolitik stellte er sich dem Druck des Moskauer Prozesses. Er lieferte Figuren ab, die Themen von Putin und Trump bis hin zur Verbrenner-Debatte darstellen.
Der Mann hinter den Riesenköpfen
Jacques Tilly gilt seit Jahrzehnten als Maestro der Düsseldorfer Karnevalswagen. Seine Pappmaché-Kolosse, oft die größten im ganzen Karnevalszug, sind nicht nur optisch imposant, sondern setzen scharfe politische Spitzen. Der Style von Tilly ist auf jedem Karnevalszug einzigartig. Es sind überdimensionale Köpfe, bunte Farben und vor allem präzise Slogans, die Probleme oder die gesellschaftliche Situation prägnant auf den Punkt bringen. Schon früher sorgten Motive zum Thema Klimaschutz, zum Corona-Virus oder zum Brexit für Aufsehen. Bei jedem Karnevalswagen von Tilly gibt es eine politische Botschaft, sei es die direkte Darstellung von Politiker:innen oder einer aktuellen politischen Debatte.
Prozess in Abwesenheit
Ein Höhepunkt der Saison ist der Konflikt mit Moskau. Russland führt seit 2025 ein Strafverfahren gegen Tilly wegen „Verunglimpfung der Staatsorgane“ durch frühere Karnevalswagen über Putin. Russland nutzt diesen Vorwurf oft, um gegen Kritiker:innen vorzugehen, doch eine Anklage gegen einen deutschen Künstler ist ein Novum. Tilly hat in der Vergangenheit schon mehrfach Russlands Krieg gegen die Ukraine mit seinen Bauwerken thematisiert. Es geht beispielsweise um Motive, bei denen Putin im Blut der Ukraine badet oder sich an der Ukraine verschluckt. Dieses Jahr steigerte sich Tilly und hat Putin gleich mehrfach in den Fokus genommen. Schließlich ist es das erste Mal, dass Tilly auf seine künstlerische Art auf die Anklage reagieren kann.
Der Wagenbauer aus Düsseldorf steht mittlerweile auf der internationalen Fahndungsliste von Russland. Seitdem lebt er mit den Konsequenzen: Unter anderem ist dadurch seine Reisefreiheit eingeschränkt. In Länder mit einem Auslieferungsabkommen mit Russland kann er nun nicht mehr reisen. Der Prozess wurde zwar kürzlich erneut verschoben, um weitere Zeugen und Zeuginnen zu befragen, doch die Drohung schwebt weiter im Raum. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm schließlich bis zu zehn Jahre Haft. Der Fall sorgt international für Empörung und wirft Fragen zur Kunstfreiheit auf. Dieser Druck hat Tilly aber nicht zum Schweigen gebracht, im Gegenteil: Mehrere Wagen zielten auch dieses Jahr direkt auf Putin ab und unterstreichen die Narrenfreiheit als Gegenmacht. Es wird zum Symbol für die demokratische Resilienz.
Ein Narrenkrieg in Pappmaché
Ein ganz besonderer Wagen des diesjährigen Rosenmontagszuges in Düsseldorf greift die russische Anklage frontal auf und zeigt Putin in Militäruniform, wie er mit einem Schwert auf den Düsseldorfer Karnevalsnarren Hoppeditz einsticht. Auf dem Hoppeditz steht groß geschrieben das Wort „Satire“, eine direkte Provokation, die den Kremlvorwurf der „Verunglimpfung“ karikiert. Der Hoppeditz hält unerschrocken seine Pritsche hoch und symbolisiert Tillys Kontern gegen den russischen Präsidenten. Dabei wird dem Pappmasche-Putin sogar ein schmerzvolles Gesicht aufgedrängt. Dieses Bauwerk wirkt wie ein visueller Gegenschlag in Richtung Russlands: Tilly demonstriert, dass seine Kunst provozierend ist und Putin durchaus wehtun kann.


Europa auf dem Speiseplan
Bei diesem Wagen des Karnevalszuges steht gegenüber von Putins Kopf der Kopf Trumps und gemeinsam verspeisen sie ein hilfloses Europa. Ein Bild der geopolitischen Hilflosigkeit, das die russische Aggression in einen größeren Kontext im Zusammenhang mit den USA darstellt. Die Details sind bei Tilly immer erstaunlich. Die Münder von Trump und Putin sind gewaltig und die beiden Präsidenten kriegen nicht genug von Europa in ihren Mund. Indem Tilly Putin und Trump hier als Teil eines zerstörerischen Duos malt, provoziert er nicht nur Moskau, sondern unterstreicht auch, warum seine Satire international relevant bleibt – trotz Fahndung und Reisebeschränkung.
Tilly reitet die Verbrenner-Debatte
Abseits der Putin-Themen thematisiert ein weiterer Wagen auch die Innenpolitik: Ein Dinosaurierskelett in Form eines Autos mit vier Rädern trägt die Aufschrift „Verbrenner“. Diesen alten Dinosaurier reiten zwei bekannte Politiker aus CDU und CSU. Es sind klar Merz und Söder karitativ auf dem Dino zu erkennen. Sie reiten fröhlich auf dem ausgestorbenen Tier, das die deutsche Flagge trägt. Dieser Wagen zeigt Tillys Breite: Es gibt kaum ein politisch diskutiertes Thema, das nicht von ihm aufgegriffen wird. Während Russland ihn jagt, kritisiert er hierzulande die deutsche Politik, nur mit dem Unterschied, dass er dafür in Deutschland die Freiheit genießt.

Jacques Tillys Wagen in diesem Jahr belegen: Die russische Anklage hat den Künstler nicht ausgebremst, sondern motiviert. In Düsseldorf wird seine Satire ungehindert dargestellt, während Moskau zähneknirschend zusieht. Was in Russland als Straftat gilt, feiert die Rheinmetropole als Tradition.
Redigat: mf
