Zum Hauptinhalt springen

Politik

Redaktion:
Zu sehen sind die beiden Beisitzerinnen vom Landesvorstand der Grünen Jugend NRW: Mara Kleine und Philippa Klein
Mara Kleine und Philippa Klein im Interview (v.l.n.r) (Foto: Serkan Gerdelmann)

HHU-Studentinnen gestalten Politik

Auf dieser Seite

An der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf studieren zwei Studentinnen, die nicht nur Klausuren schreiben, sondern auch politische Verantwortung tragen: Mara Kleine und Philippa Klein sind Beisitzerinnen im Landesvorstand der Grünen Jugend NRW. In einem Interview berichten sie, wie sie in die Politik fanden, Studium und politische Ämter balancieren, sich als junge Menschen in der Politik behaupten müssen und welche strukturellen Änderungen mehr Studierende mobilisieren könnten.

Die unsichtbaren Barrieren für Studierende

Gerade für Studentinnen ist der Einstieg in die Politik häufig eng mit dem eigenen Umfeld verknüpft, etwa über das Studierendenparlament oder Jugendorganisationen. Solche Strukturen können für junge Menschen ein erster Ort sein, um politische Prozesse nicht nur zu beobachten, sondern selbst mitzugestalten. Gleichzeitig zeigt sich dort auch, wie ungleich politische Beteiligung verteilt ist: Nicht alle haben die gleichen Ressourcen, um sich neben dem Studium dauerhaft zu engagieren. Besonders für Studenten mit knappen finanziellen Mitteln kann politisches Ehrenamt schnell zur Belastungsprobe werden. Wer neben dem Studium zusätzlich arbeiten muss, hat oft weniger Zeit für Sitzungen, Vernetzung oder politische Vorbereitung. Auch der allgemeine Zeitdruck im Studium kann dazu führen, dass Engagement nur schwer mit Prüfungen und Nebenjob vereinbar ist. Hinzu kommt, dass Parteien und politische Organisationen für viele junge Menschen nicht automatisch niedrigschwellige Räume sind. Oft sticht man als junge Person heraus, braucht bereits Vorwissen oder die Bereitschaft, sich in bestehende Strukturen einzuarbeiten.

Deshalb ist es umso wichtiger, Orte wie Universitäten zu haben, an denen erste Schritte ins Engagement möglich werden. Dort entstehen oft nicht nur politische Interessen, sondern auch Netzwerke und Selbstvertrauen. Solche Erfahrungen haben auch Mara Kleine und Philippa Klein gemacht. Die beiden können als Studentinnen und Mitglieder im Landesvorstand der Grünen Jugend NRW politische Verantwortung mit dem Studium vereinbaren.

Mara Kleine und Philippa Klein

Mara Kleine und Philippa Klein, beide 23 Jahre alt, sind als Studentinnen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ein Beispiel dafür, wie junge Frauen aus unterschiedlichen regionalen und fachlichen Hintergründen in politische Verantwortung finden. Mara Kleine, ursprünglich aus Rheurdt, hat ihren Bachelor in Sozialwissenschaften an der HHU erfolgreich im August 2025 abgeschlossen. Nun studiert Mara im zweiten Semester den Masterstudiengang Politische Kommunikation an der HHU. Seit September 2025 gehört sie dem Landesvorstand der Grünen Jugend NRW an.

Philippa Klein, die aus Freiburg stammt, absolviert derzeit das achte Semester Jura an der HHU und wurde während der letzten Landesmitgliederversammlung vom 10. bis zum 12. April zur Beisitzerin im Landesvorstand gewählt. Außerdem ist Philippa auf kommunaler Ebene hier in Düsseldorf aktiv und ist Sprecherin der Grünen Jugend von Düsseldorf. Ihre Biografien unterscheiden sich voneinander, doch in ihrem politischen Engagement konvergieren sie, um Verantwortung zu übernehmen und zu zeigen, wie Studium und Engagement ineinandergreifen.

Warum habt ihr euch entschieden, euch politisch zu engagieren?

Mara Kleines Weg in die Politik ist eng verknüpft mit der Klimakrise, die sie seit 2019 als Kern sozialer Ungerechtigkeiten begreift. Sie sah, wie vor allem Konzerne die Hauptlast verursachen, während ärmere Schichten oder der globale Süden disproportional belastet sind. Der entscheidende Shift kam mit Fridays for Future: Individuelle Verhaltensänderungen wirken nicht ausreichend, wenn systemische Strukturen unangetastet bleiben; stattdessen fordert sie politische Lösungen wie kostenlosen ÖPNV, um klimagerechte Optionen für alle zugänglich zu machen. Von den Demos wollte sie in institutionelle Räume vordringen, um Druck von innen zu erzeugen. Die Grüne Jugend erwies sich für sie als Brücke, um zu vernetzen, Diskurse zu verschaffen und Klima als soziale Frage zu etablieren. Philippa Kleins Politisierung entstand aus mehreren Auslösern. In Freiburg war ein grün-linkes Leben selbstverständlich: Vegetarismus, Thrifting, Radfahren. Der Umzug nach Düsseldorf brachte sie mit ideologisch abweichenden Kreisen in Berührung: In einer Stadt, die doch einige Unterschiede zum Leben in Freiburg hatte, erkannte sie, dass ihre Werte nicht universell sind. Das trieb sie an, aktiv Gleichgesinnte zu suchen. Nach der ersten Kontaktaufnahme mit der politischen Jugendorganisation war ihr der Stress durch die Uni noch zu viel. Später fand Philippa aber dann doch in den Menschen Orientierung.

Mara war schon lange vor dem Studium politisiert. Unter anderem entschied sie sich deswegen überhaupt für das Sozialwissenschaftsstudium. Sie beschreibt die Philosophische Fakultät der HHU als politischen Nährboden: Viele im AStA und Studierendenparlament kommen von dort. Während sie in der Schulzeit häufig erlebt habe, dass politisches Engagement eher belächelt wurde, habe sie an der HHU erstmals ein Umfeld erlebt, das sie darin bestärkte, politische Verantwortung zu übernehmen. Philippa Klein beschreibt ihr Studium selbst eher als vergleichsweise unpolitisch. Zwar hätten Gesetze enorme gesellschaftliche Auswirkungen, im Studienalltag gehe es jedoch meist um Anwendung und Auslegung bestehender Regeln, nicht um deren politische oder soziale Folgen. Dennoch politisiert es indirekt: Debatten wie um die Ehe für alle im Grundgesetz zeigen gesellschaftliche Wirkung.

In Sowi fanden es auf einmal alle mega cool, dass ich politisch aktiv bin, und haben mich voll empowered. Dadurch habe ich mich viel wohler mit meinem Engagement gefühlt, weil alle mir gespiegelt haben: “Hey, das ist voll cool, das ist voll wichtig."
Mara Kleine über den Einfluss des Studiums auf ihr politisches Engagement

Wie vereinbart ihr Studium und politisches Engagement?

Beide beschreiben die Vereinbarkeit von Studium und politischem Engagement als dauerhafte Herausforderung. Gleichzeitig betonen sie, dass politisches Ehrenamt stark von zeitlichen, finanziellen und sozialen Ressourcen abhänge. Gerade Studierende seien häufig mit Mehrfachbelastungen konfrontiert: Prüfungsdruck, Nebenjobs, finanzielle Unsicherheit und politische Verantwortung müssten parallel organisiert werden. Mara Kleine arbeitet neben Studium und politischem Ehrenamt zusätzlich im Landtag. Unter diesen Bedingungen sei ein klassischer Regelstudienverlauf für sie kaum realistisch gewesen. Politisches Engagement beschreibt sie deshalb ausdrücklich als Privileg. Gerade politische Arbeit vermittelt oft das Gefühl, ständig noch mehr tun zu müssen, insbesondere angesichts von Klimakrise, sozialer Ungleichheit oder gesellschaftlichem Rechtsruck. „Ich glaube, ich habe eher ein Problem damit, die Grenzen zu setzen und zu sagen: Ich kann nicht mehr und ich brauche jetzt eine Pause. Aber das ist total wichtig, denn nur so kann man langfristig politisch aktiv sein, ohne komplett auszubrennen.“ Auch Philippa Klein beschreibt diesen Konflikt sehr deutlich. Das Jurastudium lasse ohnehin nur wenig Raum für Tätigkeiten außerhalb des Studiums. Gleichzeitig empfindet sie politische Arbeit häufig als motivierender als das Lernen für Prüfungen. Besonders problematisch sei aus ihrer Sicht jedoch die soziale Frage politischer Beteiligung. Wer neben dem Studium stark arbeiten müsse oder finanziell wenig abgesichert sei, habe oft deutlich weniger Möglichkeiten, sich langfristig politisch einzubringen. Politisches Ehrenamt dürfe deshalb nicht als rein individuelle Entscheidung verstanden werden, sondern müsse immer auch unter sozialen Bedingungen betrachtet werden. Als Studentin sieht Philippa aber auch die Vorteile für ein politisches Engagement: „Wir haben vor allem die Flexibilität, das ist total wichtig. Man kann auch plötzlich nachts lernen und dann halt tagsüber Telefonate führen, was total gebraucht ist. Wir sollten einfach unser Privileg nutzen.“

Gab es Situationen, in denen ihr gemerkt habt, dass euer Alter oder Geschlecht eine Rolle spielt?

Mara berichtet, dass sie als junge Frau in politischen Zusammenhängen häufig mit einem bestimmten Ton konfrontiert werde: „Ich glaube, als junge Person hat man das oft, dass einem vorgeworfen wird: Du verstehst Politik noch nicht so richtig. Du brauchst noch ein paar Jahre und dann verstehst du, dass man halt nicht so radikal sein kann.“ Sie sagt, dass es nicht daran liege, jung zu sein, wenn sie politische Verhältnisse kritisch sehe, sondern daran, dass sie Ungerechtigkeit nicht einfach hinnehmen wolle. Genau darin liege für sie der Konflikt. Philippa beschreibt ähnliche Erfahrungen. Sie berichtet davon, in Gesprächen wiederholt ignoriert worden zu sein, bis sie ihre juristische Fachlichkeit preisgebe. „Ich wurde straight-up ignoriert, und dann habe ich gesagt: Leute, ich studiere Völkerrecht. Und plötzlich hieß es: Ach echt? Du hast ja Ahnung.“ Für sie ist das ein prägnantes Beispiel dafür, wie stark politische Deutungshoheit über Wissen, Status und Auftreten läuft. Nicht selten treffe sie auf die Haltung, junge Menschen sollten sich erst einmal zurückhalten, weil ältere und erfahrenere Personen die Dinge ohnehin schon lange machten. Philippa lehnt diese Logik ab. Gerade junge Menschen brächten wichtige neue Perspektiven. Gleichzeitig sehen beide auch Veränderungsmöglichkeiten. Mara hebt hervor, dass die Grünen in diesem Punkt zumindest intern schon Strukturen geschaffen hätten, die Frauen fördern und Sichtbarkeit herstellen sollen. Quotenregelungen seien dabei als Versuch zu verstehen, bestehende Ungleichheiten auszugleichen. Beide beschreiben damit einen Alltag, in dem politische Beteiligung für Studentinnen nicht nur eine Frage von Interesse, sondern auch von Sichtbarkeit, Autorität und Durchsetzung ist.

Es ist ein wahnsinniges Privileg, politisch aktiv zu sein oder sein zu können. Ich glaube, da müssen wir auch ganz, ganz groß aufpassen, dass wir dieses Privileg nicht für uns nutzen. Ich sage immer: Ich mache Politik für andere und nicht für mich, weil ich in Deutschland wohne, ich bin weiß, ich kann während des Studiums Politik machen. Das ist weltweit gesehen der Jackpot.
Philippa Klein über das Privileg des politischen Engagements

Was sollte sich generell ändern, damit mehr Studierende politisch aktiv werden?

Das ist für beide eng mit strukturellen Fragen verbunden. Mara stellt zunächst klar, dass politisches Engagement nicht in einem Vakuum stattfindet. Wer neben dem Studium arbeiten müsse, hohe Mieten zahle oder sich um die Grundsicherung des Alltags sorge, habe schlicht weniger Raum für Ehrenamt und politische Beteiligung. „Politik muss auch junge Menschen ansprechen und Beteiligung ermöglichen. Andererseits muss sie auch die Rahmenbedingungen schaffen, damit alle politisch aktiv sein können.“ Deshalb gehöre zur Frage politischer Teilhabe immer auch die Frage nach sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen. Sie nennt BAföG, Mietpreise, Energiepreise und die Kosten des täglichen Lebens als zentrale Baustellen. Wenn Studieren immer teurer werde und das Leben in Städten wie Düsseldorf für viele kaum noch bezahlbar sei, dann werde politisches Engagement automatisch ein Privileg. Für Mara ist deshalb klar: Mehr politische Aktivität unter Studierenden wird es nur geben, wenn der Alltag für sie insgesamt entlastet wird. Philippa setzt an einem ähnlichen Punkt an, formuliert es aber stärker als Frage der Zugänglichkeit und Ermutigung. Viele Studierende würden sich politisch nicht deshalb nicht engagieren, weil sie kein Interesse hätten, sondern weil sie sich nicht sicher seien, ob sie genug wüssten oder ob ihre Perspektive überhaupt gefragt sei. Genau hier liege ein zentrales Problem. Politisches Engagement werde oft so dargestellt, als müsse man zuerst vollständig informiert und in jeder Frage sattelfest sein. Philippa erklärt: „Ein bisschen zu machen ist immer noch besser als gar nichts zu machen. Und es ist vollkommen okay, wenn man etwas nicht weiß. Wir alle wussten am Anfang gar nichts.“

Mara Kleine und Philippa Klein zeigen, dass politisches Engagement als Studentinnen weit mehr sein kann als ein zusätzliches Ehrenamt: Es ist auch ein Ort, an dem junge Student:innen politisches Selbstvertrauen entwickeln und Verantwortung übernehmen können. Die Zeit als Student:in bietet somit durch unter anderem das Studierendenparlament, den AStA oder Parteien die Möglichkeit, politische Teilhabe zu verwirklichen und das gelernte Wissen zu verwirklichen.

Redigat: mf