Politik

Alle sollten die gleichen Chancen haben
Ein Gastbeitrag von Helena Masiala
College-Block statt iPhone und stundenlanges Pendeln statt Wohnung neben der Hochschule. Das ist der Alltag von vielen Studierenden. Viele behaupten, dass alle die gleichen Chancen haben, wenn sie sich nur genug anstrengen. Das besagt das meritokratische Prinzip. Alle können unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, ihrer Abstammung oder ihrem Geschlecht die gleichen Chancen bei Bildung und Beruf bekommen, solange sie sich diese durch gute Leistung verdienen. Drei Studierende geben Einblicke in ihr Leben rund um Studium, Freizeit und Selbstbild. Dem Prinzip widerspricht auch der französische Soziologe Pierre Bourdieu, der Ungleichheiten mit seiner Theorie des Habitus erklärt.
Das Prinzip des Habitus und den Einfluss in der Hochschule
In seinem 1979 erschienenen Buch „Die feinen Unterschiede“ entwickelt der Soziologe Pierre Bourdieu die Theorie des Habitus. Der Habitus beschreibt ein verinnerlichtes System aus Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmustern, das unser Verhalten und unsere Vorlieben prägt, meist unbewusst. Er entsteht durch die Sozialisierung im sozialen Umfeld und steht in ständiger Wechselwirkung mit den Lebensbedingungen eines Individuums. Der Habitus lässt sich nicht einfach ablegen, er begleitet Menschen über Generationen hinweg und beeinflusst, welche Chancen und Handlungsmöglichkeiten ihnen in der Gesellschaft offenstehen. Um diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, entwickelte Bourdieu ein mehrdimensionales Modell sozialer Positionierung. Darin werden Individuen anhand ihres kulturellen Kapitals, ökonomischen Kapitals und sozialen Kapitals verortet. Diese Kapitale bestimmen maßgeblich die Lebensrealität eines Menschen. Ökonomisches Kapital, also materielle Ressourcen, ermöglicht es wohlhabenden Familien etwa, teure Nachhilfe zu finanzieren oder ihren Kindern einen leichteren Zugang zu Bildung, Gesundheitsvorsorge und kultureller Teilhabe zu verschaffen. Dadurch kann kulturelles Kapital aufgebaut werden, etwa in Form eines Hochschulabschlusses. Ein solches institutionalisiertes kulturelles Kapital erhöht nicht nur den sozialen Status, sondern beeinflusst auch berufliche Chancen. Ergänzend dazu wirken objektiviertes kulturelles Kapital, wie der Besitz vieler Bücher oder kultureller Güter.
Obwohl Schulen und Hochschulen als neutrale staatliche Institutionen gelten, werden in diesem sozialen Raum bestehende Machtverhältnisse häufig reproduziert. Studierende aus bildungsnahen Haushalten verfügen oft über sprachliche Sicherheit und andere kulturelle Privilegien, die ihnen den Zugang erleichtern. Ebenso spielt das soziale Kapital eine Rolle: Wer über Beziehungsnetzwerke zu einflussreichen Personen verfügt, etwa Kontakte zu renommierten Universitäten über akademisch tätige Eltern, hat bessere Chancen gesellschaftliche Türen geöffnet zu bekommen. Im Zusammenspiel dieser Kapitale verfügt zum Beispiel ein Professor über symbolisches Kapital: Status, Wissen und Reputation verleihen ihm eine hohe gesellschaftliche Position. Diese Macht manifestiert sich auch im universitären Raum. Professor:innen bewerten und benoten, während Studierende sich beweisen müssen. Für viele bedeutet das nicht nur Respekt, sondern auch Unsicherheit. Wer die akademischen Regeln nicht von zu Hause kennt, spricht weniger, fragt weniger und zweifelt mehr. Das wirkt sich auch auf das soziale Leben aus: Wer sich weniger zeigt, vernetzt sich weniger und hat dementsprechend weniger Kontakte, die später berufliche Chancen eröffnen könnten. So werden Machtverhältnisse gefestigt. Kinder aus Haushalten mit akademischem Hintergrund haben oft bessere Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse, nicht, weil sie intelligenter wären, sondern weil sie früh mit relevanten Wissens- und Sprachcodes in Berührung kommen. Diese werden über Generationen weitergegeben.
Über Pierre Bourdieu
Pierre Félix Bourdieu wurde am 01.08.1930 in Denguin, Frankreich, geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete als Angestellter, seine Mutter war Hausfrau. Trotz dieser einfachen Herkunft gelang ihm ein bemerkenswerter akademischer Aufstieg. Er besuchte das Lycée Louis-le-Grand in Paris, schloss dort ab und studierte anschließend Philosophie an der Elitehochschule École normale supérieure. In dieser Zeit entwickelte sich sein Interesse an kulturellen und sozialen Fragestellungen. Sein Aufenthalt in Algerien, wo er während des Unabhängigkeitskriegs wissenschaftliche Untersuchungen durchführte, prägte seine Perspektive nachhaltig und beeinflusste die spätere Entwicklung der Habitus-Theorie. Zwischen den 1960er und 1970er Jahren erforschte Bourdieu in empirischen Studien, wie geschmackliche Vorlieben beispielsweise Kleidung soziale Unterschiede reproduzieren und bestehende Machtverhältnisse stabilisieren.

Ungleichheit ist strukturell
Nach der Selektion in der Grundschule für die weiterführende Schule folgen das Abitur und schließlich die Universität. Endlich hat man die Freiheit, sich damit zu beschäftigen, was einen begeistert, und darf sich in einem Themenbereich spezialisieren und ist nicht unter Anwesenheitspflicht gezwungen, alle Fächer zu belegen. Für viele ist das Studium neben einem Lebensabschnitt der Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und einer experimentellen Phase auch mit einem finanziellen Risiko verbunden. Nicht alle kommen aus einem einkommensstarken Haus, wo die Eltern die Lebenshaltungskosten, Studiengebühren und Studienmaterial, wie einen Laptop, für ihr Kind leisten können. Dafür gibt es staatliche Förderungen, wie das Bundesausbildungsförderungsgesetz, kurz BAföG. Das Ziel der Förderung ist es, allen Menschen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen, unabhängig von der finanziellen Situation ihrer Eltern. Eine Studie aus dem Jahr 2024 besagt, dass von 100 Kindern aus Akademiker:innenfamilien statistisch gesehen 78 ein Hochschulstudium beginnen. Bei Familien, in denen Eltern höchstens einen beruflichen Abschluss haben, studieren 22 von 100 Kindern. Haben Eltern weder einen akademischen noch beruflichen Abschluss erworben, gehen nur 8 von 100 Kindern studieren.
Die Realität des Studiums
Für Studierende, die keine finanzielle Unterstützung erhalten, sieht der Alltag anders aus. Wer arbeiten muss, um Miete, Lebensmittel und Semesterbeiträge zu bezahlen, hat weniger Zeit zum Lernen, weniger Ruhe für Prüfungen und weniger Energie für das, was das Studium eigentlich ausmacht. Viele Studierende leiden unter dem immensen Leistungsdruck dauerhaft abliefern zu müssen: umso mehr, wenn auch die finanzielle Sorge dazu kommt. Für viele beginnt daher der Leistungsdruck nicht erst in der Prüfung, sondern schon beim Versuch, überhaupt mitzuhalten. Studierende mit moderner Technik können beispielsweise schneller und organisierter arbeiten, während andere mit alter Technik bei der Bearbeitung von Aufgaben improvisieren und unter Stress darauf achten müssen, dass ihre Geräte nicht abstürzen.
Was sind kulturelle Codes?
Als kulturelle Codes bezeichnet Bourdieu Normen, Werte und Praktiken, die Individuen unbewusst ausleben und die Hinweise auf ihr soziales Umfeld geben. Geschmacksvorlieben sind nach dieser Definition nicht naturgegeben, sondern entstehen durch gesellschaftliche Einflüsse und die Wechselwirkung zwischen Sozialisierung und dem sozialen Umfeld, in dem sich eine Person bewegt. So wächst ein Kind aus einem akademischen Elternhaus mit sprachlichen Codes auf, die im Bildungs- und Berufsleben als angemessen gelten, und profitiert später unbewusst von diesen Vorteilen.
Eine Herausforderung ist auch der Umgang mit der wissenschaftlichen Sprache und den wissenschaftlichen Texten. Wer eine andere Muttersprache hat, muss nicht nur Inhalte lernen, sondern gleichzeitig Sprache, akademische Ausdrucksformen und kulturelle Codes. Während manche Studierende mit familiären Netzwerken und sprachlicher Sicherheit starten, beginnen andere mit einem doppelten Gewicht auf den Schultern. Sie sind gezwungen, sich die akademische Sprache einzuprägen, um ihr Studium absolvieren zu können. Dabei ist es von Vorteil, wenn die Eltern selbst bereits studiert haben, da sie ihr Wissen als kulturelles Kapital den Kindern weitergeben können. Für manche ist die Uni dadurch ein vertrauter Ort, für andere ein Labyrinth ohne Wegweiser. Wer keine familiären Netzwerke hat, keine akademischen Vorbilder und niemanden, der erklärt, wie die Uni funktioniert, trägt eine zusätzliche Last. Die Anforderungen sind für alle gleich, doch die Wege dorthin könnten kaum unterschiedlicher sein.
Drei Studierende erzählen aus ihrem Studienalltag
Lana (21), die einen Studiengang mit Abschluss Bachelor of Science studiert, sagt: „Die Belastung im Studium ist sehr hoch. Vor allem, wenn man während eines Vollzeitstudiums arbeiten muss, um sich das Studium und das Leben leisten zu können.“ Sie erhält BAföG, aber die Unterstützung reicht nicht aus. Die Mindestförderung deckt langfristig kaum ihre alltäglichen Kosten. Billie (21) wird von ihren Eltern finanziell unterstützt und arbeitet zusätzlich, um sich Freizeitaktivitäten leisten zu können. Ihr alter Laptop erschwertes ihr oft, so effektiv wie ihre Kommiliton:innen zu arbeiten.
Es macht schon einen Unterschied, ob ich mit einem Apple Pencil auf dem iPad schreiben
kann oder mit meinem 30 Jahre alten Laptop, den ich alle 50 Minuten laden muss.Billie
Billie erinnert sich auch an ihre Studienanfänge und die sprachlichen Hürden in wissenschaftlichen Texten: „Ich bin ja Migrantin. Ich bin nicht in Deutschland geboren. Ich bin mit acht hierhergezogen und Deutsch ist nicht meine Muttersprache.“ Diese anfänglichen Schwierigkeiten konnte sie durch Übung und den Austausch mit anderen Studierenden überwinden.
Auch Greta (19), die einen Studiengang mit Bachelor of Arts-Abschluss studiert, betont, dass in ihrem Studiengang viele wohlwollende Menschen sind. Sie fühlt sich sowohl im Studium als auch in der neuen Stadt gut aufgehoben. Besonders die Gruppenarbeiten im Seminar bereiten ihr Freude. Greta wurde von Familie und Freunden von Anfang an in ihrer Studienentscheidung unterstützt. Billie hingegen begegnete zu Beginn Skepsis seitens ihrer Eltern, aufgrund kultureller Unterschiede im Verständnis eines Studiums. Lana wiederum fühlt sich häufig alleingelassen.
Man ist sehr auf sich alleine gestellt. Man muss sich alleine durchkämpfen.
Es gibt wenig Möglichkeiten, nach Hilfe zu suchen.Lana
Gleiche Chancen für alle
Die Aussagen der Studierenden machen deutlich, dass die Erfahrungen im Studium ungleich sind, geprägt durch den Habitus und den sozialen Raum, in dem sich eine Person bewegt. Diese Unterschiede beeinflussen nicht nur das Studium selbst, sondern oft auch das spätere Berufsleben. Die entscheidende Frage bleibt, ob Institutionen bereit sind, bestehende Ungleichheiten nicht nur zu erkennen, sondern auch konsequent anzugehen. Wie Greta es formuliert: „Ich möchte auf jeden Fall anfangen zu arbeiten und praktische Erfahrungen sammeln für mein späteres Berufsleben.“ Damit spricht sie etwas aus, das für alle Studierenden gelten sollte: Jede Person sollte die Chance erhalten, sich zu entfalten und ihren Traumberuf zu erreichen.