Panorama

No Alcohol Please?
Pre-Work-Partys, Sober- oder Morning-Raves und in den Händen entweder ein Matcha-, Kaffee- oder Zero-Getränk. Auch beim Ausgehen in Bars und Clubs wird immer häufiger zu Mocktails gegriffen. Nicht selten mit einem konkreten Ziel: morgens genügend Energie für den Community-Run zu haben. Doch nicht nur in der Ausgehkultur junger Menschen zeichnet sich ein Wandel ab. Auch in den Supermärkten wächst das Angebot an alkoholfreien Alternativen. Dieser Wandel hat vor allem einen Grund: Laut einer Studie der damaligen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist der Alkoholkonsum der Gen Z so niedrig wie bei keiner anderen Generation. Viele junge Menschen verfolgen einen gesundheitsbewussteren Lebensstil und passen ihren Konsum entsprechend an. Damit verändert sich nicht nur die Art, wie getrunken wird, sondern auch, wie Menschen miteinander feiern und Zeit verbringen – das soziale Miteinander. Aber was sind die genauen Gründe für diesen Verzicht?
Kein Perfect Match mehr: Wenn Alkohol nicht mehr zum Lebensstil passt
Laut einer 2026 veröffentlichten YouGov-Studie ist der Anteil der Menschen in Deutschland, die Alkohol konsumieren, in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen. Im Jahr 2025 gaben 68 Prozent an, Alkohol zu trinken – im Jahr 2015 waren es noch 78 Prozent. Auch bei jungen Erwachsenen ist ein langfristiger Rückgang zu beobachten. Die Drogenaffinitätsstudie 2023 der BZgA zeigt, dass der regelmäßige Alkoholkonsum – definiert als mindestens einmal wöchentlicher Konsum – bei den 18- bis 25-Jährigen zurückgegangen ist. Bei jungen Männern sank der Anteil von 59,0 Prozent im Jahr 2004 auf 38,8 Prozent im Jahr 2023, bei jungen Frauen von 27,7 auf 18,2 Prozent.
Doch warum verzichten immer mehr junge Menschen auf Alkohol? Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein Grund ist das gestiegene Gesundheitsbewusstsein der heutigen jungen Generation. Im Vordergrund steht meist der Wunsch nach Selbstoptimierung. Die heutige Gesellschaft ist stark von Selbstkontrolle, Leistungsdruck und dem Streben nach individueller Selbstoptimierung geprägt. Besonders junge Menschen wachsen in einer Zeit auf, in der persönliche Weiterentwicklung und der berufliche Erfolg im jungen Alter einen hohen Stellenwert haben. Themen wie Fitness, Ernährung und Produktivität rücken dabei stärker in den Fokus. Alkohol passt deshalb für manche nicht mehr zum eigenen Lebensstil – insbesondere dann, wenn am nächsten Tag Sport, Arbeit oder andere Aktivitäten anstehen.


Ungesunde Gewohnheiten, wie der regelmäßige Alkoholkonsum, werden daher bei jungen Menschen häufiger kritisch betrachtet und verstärkt vermieden. Social Media verstärkt diesen Trend zusätzlich. In den sozialen Medien wird häufig ein Lebensstil präsentiert, der von Fitness, Produktivität und Selbstkontrolle geprägt ist. Der Verzicht auf Alkohol wird dadurch nicht mehr als Einschränkung gesehen, sondern zunehmend als Ausdruck von Self-Care und bewusster Lebensführung.
Auch die ständige digitale Sichtbarkeit kann beeinflussen, wie junge Menschen mit Alkohol umgehen. Besonders durch soziale Medien wie TikTok und Instagram werden immer mehr Momente aus dem Alltag öffentlich geteilt. Auf Partys, in Clubs und allgemein im öffentlichen Raum wird häufiger gefilmt als noch vor einigen Jahren. Durch die Reichweite sozialer Medien und deren Algorithmus können einzelne Videos heute innerhalb kurzer Zeit ein Millionenpublikum erreichen. Dabei steigt bei vielen die Sorge, dass unkontrolliertes Verhalten unter Alkoholeinfluss öffentlich sichtbar wird und langfristige Konsequenzen haben könnte. Durch den Verzicht oder die bewusste Reduzierung von Alkohol möchten einige junge Menschen ihre Selbstkontrolle beim Feiern bewahren, um mögliche unangenehme Situationen zu vermeiden.
In der YouGov-Studie werden ebenfalls Gründe für den Verzicht genannt. 38 Prozent der Befragten, die ihren Konsum in den vergangenen fünf Jahren reduziert oder vollständig eingestellt haben, gaben an, Alkohol grundsätzlich für ungesund zu halten. 26 Prozent sagen, dass sie auch ohne Alkohol Spaß haben können, 25 Prozent verzichten aus konkreten gesundheitlichen Gründen und 21 Prozent möchten häufiger nüchtern sein. Bei der Generation Z zeigt sich insbesondere die Bedeutung gesundheitlicher Aspekte: 25 Prozent der Befragten dieser Gruppe gaben an, ihren Alkoholkonsum in den vergangenen fünf Jahren reduziert oder vollständig eingestellt zu haben. Etwa die Hälfte von ihnen begründet dies damit, dass Alkohol ungesund sei.
Nachfrage schafft Angebot
Doch der Wandel zeigt sich nicht nur in den Konsumzahlen. Trends wie der „Dry January“ oder „Sober October“, bei denen einen Monat auf den Alkoholkonsum verzichtet wird, machen den bewussten Umgang mit Alkohol sichtbar. Über Social Media werden diese Trends weiter verbreitet und erreichen dabei auch ein junges Publikum. Insbesondere Influencer und Online-Communities präsentieren alkoholfreie Lebensstile und regen dazu an, den eigenen Alkoholkonsum zu hinterfragen. Eine der größten Communitys ist die „Sober Curious“-Bewegung, die auch den Begriff „sober curious“ online etabliert hat. Sie ermutigt Menschen dazu, ihren Alkoholkonsum bewusst zu hinterfragen und die Rolle von Alkohol im eigenen Leben zu reflektieren. Vor allem jüngere Generationen fühlen sich von der Bewegung angesprochen.
Mocktails
Ein Mocktail ist die alkoholfreie Variante eines klassischen Cocktails. Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern „mock“ für „nachahmen“ und „cocktail“ zusammen. Statt Spirituosen wie Wodka, Rum oder Likör werden beispielsweise Fruchtsäfte, Sirups, Limonaden, aromatisierte Wässer und Kräuter verwendet.



Auch das soziale Miteinander und gemeinsame Feiern verändern sich mit den neuen Trinkgewohnheiten. Alkoholfreie Getränke sind längst nicht mehr nur eine kleine Alternative, sondern mittlerweile ein fester Bestandteil des Angebots. Die Getränkebranche hat sich dem veränderten Konsum angepasst und fokussiert sich mehr auf die Weiterentwicklung und Produktion von alkoholfreien Getränken. Während alkoholfreie Alternativen früher vor allem mit Bier verbunden wurden, bieten viele Marken heute alkoholfreie Varianten von Gin, Wein, Sekt bis Aperitifs an. Auch das Angebot an Mocktails hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert, vor allem in den Bars. Alkoholfreie Cocktails sind dort mittlerweile viel stärker etabliert und werden vor allem von jüngeren Kund:innen immer wieder bestellt. Doch nicht nur bereits bestehende Bars reagieren auf den Wandel: In Großstädten wie Berlin und Hamburg entstehen neue Lokale, die sich ganz oder größtenteils auf alkoholfreie Getränke spezialisieren – sogenannte „Dry Bars“.
Dass sich dieser Wandel auch im Gastronomiealltag bemerkbar macht, bestätigt Habip, Inhaber der Düsseldorfer Lokale „Tigges“ und „Bier zu Liebe“. Er beobachtet insbesondere bei Studierenden einen bewussteren Umgang mit Alkohol.
Jetztige Generation von Studenten trinken bisschen bewusster halt. [...]
Betrieblich merkt man da schon, dass nicht-alkoholische Getränke mehr verkauft werden.Habip

In der Eventbranche ist dieser Wandel ebenfalls zu erkennen. Dabei sind neue Konzepte wie beispielsweise der Sober-Rave entstanden, die sich gezielt an Menschen richten, die nüchtern feiern möchten. Diese neuen Veranstaltungsformate werden immer beliebter. Laut Eventbrite ist die Zahl der sogenannten „Sober-Curious“-Events im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 92 Prozent gestiegen. Die Auswertung bezieht sich auf 16 US-amerikanische Großstädte. In Deutschland ist dieser Trend ebenfalls schon längst angekommen. Vor allem in Großstädten werden immer mehr Veranstaltungen angeboten, die gezielt auf ein alkoholfreies Feiererlebnis ausgerichtet sind.
Damit verändert sich auch die Vorstellung davon, wie ein Abend ausgehen kann, und zeigt: In der heutigen Gesellschaft ist es einfacher denn je, ohne den Konsum von Alkohol zu feiern bzw. auszugehen.
Weniger Alkohol, mehr Bewusstsein
Alkohol gehört also für viele Menschen heute nicht mehr selbstverständlich zum Alltag. Ob bei Treffen mit Freunden oder auf Feiern: Viele entscheiden sich immer mehr bewusst dafür, wenig oder gar keinen Alkohol zu trinken. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Vor allem Jüngere trinken bewusster und entscheiden sich häufiger gegen Alkohol und greifen auf alkoholfreie Alternativen zurück. Dabei spielen Werte wie Gesundheit und Kontrolle eine immer größere Rolle.
Doch wie sieht dieser Wandel im Alltag junger Menschen tatsächlich aus? Um herauszufinden, welche Rolle Alkohol beim Feiern und im sozialen Miteinander spielt, hat hochschulradio düsseldorf auf dem Campus der Heinrich-Heine-Universität nachgefragt. Wie stehen Studierende heute zu Alkohol und hat sich ihr Umgang damit in den vergangenen Jahren verändert?
Für Lena ist ein Wandel in ihrem unmittelbaren Umfeld bislang kaum spürbar. Gleichzeitig beobachtet sie, dass Menschen außerhalb ihres eigenen Freundeskreises bewusster mit Alkohol umgehen und teilweise weniger trinken. „Bei mir in der Umgebung habe ich gemerkt, dass es noch nicht so ist. Aber wenn man weiter weg von den Freunden von Freunden hört, dann merkt man schon, dass mehr Leute weniger Alkohol trinken oder mehr darauf achten, wie viel sie trinken“, erzählt sie.
Dass Alkohol deshalb in absehbarer Zeit aus dem Nachtleben verschwindet, glaubt Lena allerdings nicht. „In 10 Jahren Feierngehen wird definitiv Alkohol noch da sein. [...] Der wird nicht so schnell verschwinden, aber ich denke schon, dass der Anteil an Leuten, die keinen Alkohol trinken, zunehmen wird.“

Beim Feiern oder Partys trinke ich schon gerne Alkohol mal, klar. Lockert auch irgendwie die Stimmung auf [....] So ein Wandel gibt's bis jetzt noch nicht. Man ist ja noch an seinen Anfang 20er. [...] Ich würde sagen, so einen aktiven Wandel habe ich jetzt noch nicht wahrgenommen
Felix

Manche Leute kommen dann irgendwie mit dem Auto und dann trinken die nicht. Andere Leute haben das gerade zu tun und dann trinken die nicht. Also es ist jetzt irgendwie kein Muss oder so, aber schon so eigentlich so der Ton, dass man dann zusammen was trinkt
Linus

Elisa nimmt dagegen durchaus Veränderungen wahr. Ihrer Meinung nach wird es mittlerweile stärker akzeptiert, auch ohne Alkohol feiern zu gehen. Sie bringt diese Entwicklung unter anderem mit dem wachsenden Interesse an Fitness in Verbindung.
Gleichzeitig sieht sie darin keinen Gegensatz zum gemeinsamen Anstoßen: „Stärkt auf jeden Fall das Zusammenheitsgefühl, dass man alle zusammen das Gleiche trinkt, aber jeder seine Alternative mit oder ohne Alkohol haben kann.“
Für Viktoria gehört Alkohol beim gemeinsamen Feiern nicht unbedingt dazu, kann den Abend aber geselliger machen. Sie geht mit ihren Freunden gerne tanzen oder sitzt mit ihnen zusammen und erzählt: „Wenn wir halt was trinken, wird es meistens dann schneller noch ein bisschen lustiger.“
Gleichzeitig kennt sie auch Menschen, die bewusst auf Alkohol verzichten. Das ändert jedoch nichts daran, dass sie weiterhin gemeinsam feiern: „Mit denen kann man trotzdem genauso viel Spaß haben, und die sind auch immer dabei.“

Redigat: mf
