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Panorama

Das Bild zeigt in Nahaufnahme zwei Hände, die sich in der Abendsonne auf dem Campus halten.
Händchenhalten auf dem Campus (Foto: Philippa Geißler)

Ich liebe dich einfach

Ein Gastbeitrag von Philippa Geißler

Auf dieser Seite

Da sind sie wieder, die Früüühlingsgefühle! Entenpärchen watscheln in milder Luft von einer Campuswiese zur anderen. Wie herzerwärmend, wenn ihnen schon bald eine kleine Schar aufgeregter Küken folgt. Auch wenn es nur für eine Sommerliebe reicht. Denn laut Biologie scheint die lebenslange Partnerschaft mit bedingungsloser Liebe nicht das Ideal von Enten zu sein. Man nennt es „saisonale Treue“. Schwer zu sagen, ob Enten wissen, was Liebe ist. Und Menschen?

Zuletzt heißt es immer häufiger, dass gerade die Gen Z weniger Beziehungen eingingen und im Übrigen auch weniger Sex hätten als die Generationen vor ihnen. Nach ihrem Liebesleben gefragt, erhält man von manchen Kommiliton:innen nüchterne Aussagen: „Dating und Romance sind nicht so die Dinge, über die ich viel nachdenke“. Man wolle nicht abhängig sein und lerne, allein zufrieden zu sein. Die meisten haben „keine Zeit für ständiges Treffen, aber im Grunde nichts dagegen“. Diese Anekdoten reihen sich aneinander, aber was Datingplattformen angehe, mache es Angst, sich dem Blick anderer auszusetzen. Datingapps werden regelmäßig installiert und gelöscht. Was ist mit denen, die gerade daten oder in einer Beziehung sind? Sie antworten: Es sei wichtig, zu committen, denn „man will auch wissen, woran man ist und nicht unnötig Zeit verschwenden.“ Wörter wie Arbeit, Investition und Mehrwert fallen. Fühlt man jedoch romantischen Idealen nach, erntet man verdutzte Gesichter. Aus den Schilderungen tönen leise die vorausgegangenen Enttäuschungen. Und jene, die in einer zufriedenstellenden Beziehung sind, erfüllen einander all ihre Bedürfnisse. Ach nein, eigentlich ist es ihr Miteinander. Das ist einfach schön.

Liebe menschengemacht

Unsere Vorstellung von Liebe ist, so die Soziologin Eva Illouz, geprägt von kulturellen Erzählungen. Diese zeichneten ein Bild der grandiosen Liebe, die einer Utopie gleicht. Es bestehe aber ein Widerspruch zwischen der romantischen Symbiose zweier Liebenden und der Freiheit des Individuums.

Bei der Analyse vom Konzept der Liebe und seinem Wandel hat Eva Illouz Pionierarbeit geleistet. Sie lieferte Standardwerke, die an der HHU durch Dr. Melanie Reddig in dem Seminar „Soziologie der Liebe“ eingehend diskutiert werden können. Der Gewinn besteht in hoch spannenden Erkenntnissen zu romantischer Praxis, Ansprüchen bei der Partner:innenwahl und dem vermeintlich individuellen seelischen Leid bis hin zur Abkehr von Beziehungen.

In love und delulu: Geht das in einer durchrationalisierten Welt?

Bedingungslos, absolut und ausschließlich, voller Hingabe und Opferbereitschaft bis in den Tod. Liebe trifft einen unvorbereitet und durchdringt einen ganz und gar. Ein völlig irrationales Gefühl, ausgelöst durch das unverkennbar Einzigartige eines Menschen, das plötzlich und unvermittelt entdeckt wird – nie werden Menschen vollkommener sein. Mit diesem Menschen ein gemeinsames Leben zu führen, das wäre doch das größte Glück. Und darum geht’s doch, es gibt in der Moderne nur einen Leitgedanken sagt Frau Dr. Reddig im Interview: „Führe ein glückliches Leben!“.

Mit der passenden Person an der Seite soll das Leben schöner werden. Liebe wird damit Teil der Selbstoptimierung, die dazu auffordert nach dem Mehrwert für das eigene Ich zu fragen. Checklistenartig wird bei der Wahl potenzieller Partner:innen vorgegangen. Selbe Hobbys? Check. Selbe politische Überzeugung? Check. Liebe also das Ergebnis einer guten Entscheidung. Plötzlich erscheint die ganze Angelegenheit weniger als ein deluluhaftes Dahinschwelgen. Es muss rational beurteilt werden, ob sich hier committet wird, ob Zeit, Geld und Arbeit investiert werden. Denn wer sich falsch entscheidet, vergeudet diese Ressourcen. Kein Wunder, dass diejenigen an sich zweifeln, bei denen es in Sachen Liebe nicht klappen möchte. Sie treffen wohl Fehlentscheidungen.

In der Mediathek von ARTE findet sich ein Interview mit Eva Illouz mit dem Titel 
„Glauben wir noch an die Liebe?“

Die Standardwerke von Eva Illouz sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Alle Werke sind in der ULB verfügbar:

  • Der Konsum der Romantik (2003)
  • Warum Liebe weh tut (2011)
  • Warum Liebe endet (2018)

Doch wie wollen Menschen denn die richtige Entscheidung erkennen? Der Trugschluss bestünde in dem Anspruchsdenken, durch Liebe erfüllt zu werden. Dr. Reddig vergleicht es mit dem Buchen einer Urlaubsreise. Man habe Vorstellungen davon, wo es hingehen solle, erwarte Spaß und Abenteuer. Wenn dann am Urlaubsort durch eine Baustelle die Laune vermiest wird, dann war es das falsche Ziel. Doch „Liebe ist kein Konsumobjekt“ betont sie. Ihr Vergleich macht sehr viel Sinn. Bei Illouz finden sich unzählige Beispiele für eine Herangehensweise ans Dating und Liebesleben, die kapitalisierten Marktlogiken folgen. Datingplattformen dienen dabei nur als ein veranschaulichendes Beispiel. Mehr Freiheit bedeutet mehr Möglichkeiten. Es bedeutet auch mehr Konkurrenz, mehr Vergleich und leider auch mehr Unsicherheit. Die gesteigerten Ansprüche erfordern, dass das Gegenüber nun „so viel mehr sein müsse“ (Männer, so gibt Dr. Reddig ihre Studierenden wieder, seien davon längst nicht mehr ausgenommen…großer Proteinshake, Salatbar).

Wie sie im Interview mehrmals wiederholt, sind gesteigerte Ansprüche nicht per se verkehrt, aber sie erzeugen Entscheidungsdruck und Stress. Eine Illusion sei die Liebe auf Knopfdruck. Ihr liegen zwei Irrtümer zugrunde.

Erster Irrtum: Wir wissen, was wir wollen – als ob das ginge! Das stellt auch Eva Illouz spöttisch fest. Es stehe doch eine durchdachte Abwägung in völligem Kontrast zum Intuitivem, das sich mit spärlichen Informationen, einer kleinen Geste, einem Lächeln vielleicht, begnügt. Je weniger Informationen, desto leichter die Idealisierung. Sie ist wesentlich für das Verlieben.

Zweiter Irrtum: Die Annahme der sofortigen Verfügbarkeit. Liebe braucht Zeit. So hebt es Dr. Reddig hervor. Liebe ist im Grunde Bindung, diese baut sich nach und nach auf. Lieben heißt involviert sein, betroffen sein, sich kümmern. Bei allem Verständnis für die damit einhergehende Verunsicherung plädiert sie für ein Kennenlernen über einen längeren Zeitraum. 

Die gänzliche Vermeidung mag zuweilen auf eine gewisse Entzauberung der Liebe zurückzuführen sein...nur das Nervensystem, Evolution, patriarchale Täuschung. Dr. Reddig ergänzt, dass ihr ein zunehmender Heteropessimismus auffiele und es uncool geworden sei, Beziehungen einzugehen. Natürlich könne man auch ohne glücklich sein. Beziehung mache dort auch keinen Sinn, wo sehr viel Autonomie mit Selbstfokussierung einhergehe. Und wo Liebesideale enttäuscht werden, scheint der Bruch mit der Liebe naheliegend. Die Seminar-Lektüre entschleiert die romantischen Vignetten unserer Kultur, die unsere Vorstellungen über Liebe und wie wir uns zu ihr verhalten, prägen. Doch Eva Illouz entzaubert nicht, sie klärt auf und Dr. Reddig ist optimistisch: Es werden sich neue Formen von Liebe finden, jenseits von Machtverhältnissen und „haben, haben, haben“. Formen mit der Bereitschaft zu geben.

Fühl ich!

Auf Nähe eingelassen, offenbaren sich eigene Unzulänglichkeiten, und die Blamage des eigenen tollpatschigen Seins bleibt nicht unbemerkt. Wer sich verliebt, wird verwundbar. Liebe ohne Leid, ist das denkbar? Die Antwort lautet nein. Doch Eva Illouz missfällt die Ästhetisierung des Liebesschmerzes. Glückliche Liebe sei viel gehaltvoller. Die andere Person als gleichwertig anzuerkennen, darin bestehe der eigentliche Fortschritt. Anerkennung kann nach Illouz‘ soziologischem Verständnis nur durch andere kommen, wir können nicht selbst unsere Quelle für Wertschätzung sein.

Als etwas Intuitives geht es bei Liebe ums (Mit-)Fühlen. Es geht um Bindung. Die Psychoanalyse weiß, was es mit Bindung auf sich hat. Sie ist ideengeschichtliche Begleiterin der Soziologie und spricht der Bindung eine existentielle Bedeutung zu. Bindung ist die Resonanz zwischen zwei Menschen, eine Erfahrung von tiefer Beruhigung und Geborgenheit. Aus dem gegenseitigen Wohlwollen zieht das Ich das Wohlwollen für sich selbst. Dagegen erschüttert es den narzisstischen Kern in uns, nicht gewollt zu sein. Die Angst vor dieser Erschütterung macht kränkbar. Und Kränkungen sind nicht zu unterschätzen, sie können Beziehungen für immer vergiften oder schon im Keim ersticken. In der modernen Gesellschaft befinden sich die Menschen laut Illouz in einem chronischen Defizit von Anerkennung. Eine Paarbeziehung soll dieses Defizit gänzlich ausgleichen. Da muss schon mehr kommen als das „bare minimum“, sonst wird schließlich der eigene Wert verkannt. Bei dem renommierten Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer liest sich das Defizit von Anerkennung vor allem als erhöhte Kränkbarkeit, die den Beziehungsaufbau sabotiert. Handle die andere Person nicht den eigenen Ansprüchen entsprechend, liebe sie nicht genug oder genüge nicht.

Für Schmidbauer sind solche moralischen richtig/falsch-Bewertungen ein unreifer Versuch der Beziehungsführung. Denn Liebe ist Rücksichtnahme, Nachsicht, Erkennen und auch Selbstironie. In seinem Buch „Animalische und narzisstische Liebe“ lenkt er den Blick auf die „animalische“ Art zu lieben. Sie ist gekennzeichnet von Lust und Unlust. Denn ja, der überlebenswichtige Narzissmus in uns darf und soll sich durch die Liebe des Gegenübers bestätigt fühlen. Anstatt des vorwurfsvollen Einklagens von Zuneigung wird Nähe aktiv hergestellt. Freiheit heißt in dem Zusammenhang, dass die andere Person Nähe abwehren darf ohne, dass dies als mangelndes Interesse missverstanden wird. Freiheit heißt demzufolge auch, dass Nähe eingefordert werden darf, ohne als „needy“ zu gelten. Sex ist hier übrigens die ritualisierte Liebe, in der das Animalische mit dem Narzisstischen verschmilzt. Dadurch festigt sich Bindung.

Kann also sein, dass die andere Person nicht so gut zuhört oder nicht so gut kommuniziert, nicht dieselben Ansichten oder Hobbys teilt ‒ manchmal wird ein Streit draus, was solls! Bindung lebt dort auf, wo man nicht nachtragend, sprich nicht übermäßig gekränkt ist. Es heißt, Vertrauen in das Gute zu haben. Wenn einmal Bindung auf diese Weise entstanden ist, wird sie verlässlich bleiben. Und nach jedem Streit geht auch wieder das Schöne weiter. Das Miteinander, das sich einfach gut anfühlt.

Der Psychoanalytiker und Autor Wolfgang Schmidbauer ist unter anderem bekannt für seine wöchentlich erscheinende Kolumne „Die großen Fragen der Liebe“ im ZEITmagazin. Sein Buch „Animalische und narzisstische Liebe. Zur Paaranalyse der romantischen Bindung“ (2023) ist im Klett-Cotta Verlag erschienen und ebenfalls in der ULB verfügbar.