Panorama

Bin ich allein?
Einsamkeit ist ein Gefühl, das viele Menschen im Laufe ihres Lebens erleben. Doch warum fühlen sich ausgerechnet junge Menschen zunehmend allein? Können soziale Netzwerke Beziehungen ersetzen – oder verstärken sie das Gefühl des „Alleinseins“ vielleicht sogar? Zwischen Zahlen, persönlichen Erfahrungen und Stimmen von Studierenden wird ein Gefühl sichtbar, über das noch immer zu selten offen gesprochen wird.
Einsamkeit ist kein Randphänomen
Fast die Hälfte aller 18–29-Jährigen in NRW fühlt sich manchmal oder häufig einsam, obwohl die Meisten von Freunden und Familie umgeben sind. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts infratest dimap. Einsamkeit ist kein Randphänomen in der Gesellschaft, sondern ein Gefühl, das fast jeder zweite junge Mensch gut kennt.
Gründe für dieses Gefühl gibt es viele, doch in aktuellen Studien zeigt sich vor allem ein enger Zusammenhang zwischen der Nutzung von Social-Media-Plattformen und Einsamkeitsgefühlen. Laut Umfrage fühlt sich fast ein Viertel der befragten Social-Media-User:innen einsam, wenn sie auf Plattformen unterwegs sind – das sind doppelt so viele wie im Durchschnitt. Ein Grund für dieses Gefühl ist die Art der Beiträge, die in sozialen Netzwerken geteilt werden. User:innen und auch reichweitenstarke Influencer zeigen vor allem die Höhepunkte in ihrem Leben. Bei dem ständigen Konsum dieser idealisierten Lebenswelt entsteht schnell das Gefühl: Alle haben Anschluss – nur ich nicht.
Dass Instagram und Co. oft ein trügerisches Bild der Realität abbilden, sagt auch die Schauspielerin Vanelynn Gorek. Sie hat auf Instagram knapp 30.000 Follower:innen und lebt ein Leben, nach dem sich viele junge Menschen sehnen. In ihrem Feed finden sich Bilder von TV-Produktionen, Modeljobs, Restaurantbesuchen, roten Teppichen und unzähligen Veranstaltungen. Dass man sich trotz dieses Lebensstils einsam fühlen kann, berichtet sie in der neuen ARD-Doku „Exit Einsamkeit“:
Also ironischerweise ist so der einsamste Ort bei mir Social Media, also einerseits gibt es (Social Media) ganz viel […] aber auf der anderen Seite ist es ja so eine virtuelle, fiktive Plattform und selbst wenn man sich tief austauscht, fehlt halt diese physische Komponente und die verstärkt finde ich auch nochmal die Einsamkeit. […] Und dann der Moment, wenn du das Handy weglegst und dann merkst da war jetzt so viel los und jetzt ist da einfach nichts mehr. Und ich find das ist einfach eins der schlimmsten Gefühle, die man haben kann.
Vanelynn Gorek
Gemeinsam statt alleine
Soziale Netzwerke sind natürlich nicht der einzige Grund für die wachsende Einsamkeit in der Gesellschaft und können ironischerweise auch ein Mittel gegen Einsamkeit sein. Internetforen und Chatgruppen können sowohl dabei helfen, neue Menschen in der virtuellen Welt kennenzulernen, als auch Events in der Umgebung zu finden, auf denen man möglicherweise neue soziale Kontakte in der realen Welt knüpfen kann. Entscheidend ist ein bewusster Umgang mit sozialen Medien und ein Ausgleich zwischen digitalen Kontakten und Beziehungen im echten Leben.
Doch egal, welche Ursache hinter der Einsamkeit steht und welche Auswege es gibt, ein entscheidender Punkt gerät oft in den Hintergrund: Einsamkeit wird zu selten offen thematisiert. Dabei ist sie gerade unter Studierenden, die zwischen neuen Lebensabschnitten, Leistungsdruck und sozialen Erwartungen pendeln, ein besonders verbreitetes Gefühl. Sie wird oft als individuelles Problem wahrgenommen, obwohl es eigentlich ein gesellschaftliches ist.
Wer einsam ist, hat schnell das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Dabei hat Einsamkeit nichts mit persönlichem Versagen, sondern viel mehr mit den Umständen des Lebens zu tun. Neue Lebensphasen, hohe Leistungsanforderungen, psychische Belastungen oder sich wandelnde familiäre Verhältnisse können schnell zu dem Gefühl führen. Und auch wenn die Gesellschaft vermitteln möchte, nicht über Einsamkeit sprechen zu können, beginnt die Entlastung meistens genau dann, wenn man sich traut, mit anderen über dieses Gefühl zu sprechen.
Wie vielfältig der Umgang mit Einsamkeit sein kann, zeigt ein Blick auf den Campus. hochschulradio düsseldorf hat dazu Studis befragt, was sie tun, um sich im Winter nicht so allein zu fühlen:
Es gibt in der Uni sehr viele verschiedene Events, ob es jetzt von Fachschaften oder vom FSRef organisiert ist, manchmal vom AStA auch, da gibt es ganz viele verschiedene Events, wie z. B. auch das Campuskino, und da kann man immer sehr gut hingehen und auch mit verschiedenen Leuten joinen und das ist immer richtig cool.
Einmal natürlich mit Freunden ein bisschen mehr zu machen und sich bisschen rauszuzwingen, auch wenn man da vielleicht gerade nicht so viel Lust zu hat. Aber ich glaube ein anderer Punkt, den viele Leute hier manchmal ein bisschen außer Acht lassen, ist, dass man auch einfach gucken muss, dass man mal ein bisschen weniger macht im Winter. Man hat halt einfach nicht so die Energie wie im Sommer und dann muss man da auch mal ehrlich mit sich sein und sich auch mal bisschen zurücknehmen.
Also ich würde halt auch sagen, mit Freunden treffen, aber auch vielleicht, wenn man mal so leere Phasen hat, dass man dann einfach mal in die Uni geht und ein bisschen Uni vorbereitet, weil das bleibt ja sonst meistens auf der Strecke.
Ich habe mich noch nicht so oft alleine gefühlt, aber ich habe mir auf jeden Fall für diesen Winter vorgenommen, ein bis zweimal im Monat zu backen und das dann mit meinen Freunden zu teilen.
Am liebsten gehe ich tatsächlich mit meinem Hund spazieren, da fühle ich mich dann gar nicht so allein.
Ich versuche, mir öfter als im Sommer heiße Getränke zu machen, Tee, Kaffee oder heiße Schokolade, und mich gemütlich hinzusetzen. Da hat man im Sommer meistens nicht so die Zeit und Lust dazu und das finde ich im Winter mal eine gute Abwechslung.
Die Aussagen der Studis zeigen, dass es zwar kein Wundermittel gegen Einsamkeit gibt, aber viele kleine und bewusste Entscheidungen, die unseren Alltag positiv beeinflussen können. Gerade wenn die Dunkelheit überhandnimmt, lohnt es sich vor allem auch mal das Handy wegzulegen und abseits von den Instagram-Feeds präsent zu sein.
Darüber hinaus ist es am wichtigsten, über aufkommende Einsamkeitsgefühle zu sprechen. Einsamkeit verschwindet nicht von heute auf morgen – aber sie wird oft leichter, sobald man merkt, dass man damit nicht allein ist.
Redigat: mf




