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Panorama

Auf dem Bild sieht man das abgestürzte Flugzeug im Schnee
Das abgestürzte Flugzeug im Schnee (Foto: Museo de los Andes)

72 Tage im Nirgendwo

Ein Gastbeitrag von Dilay Altay

Auf dieser Seite

Das Leben ist eine Dauerschleife: Wir stehen jeden Morgen auf und gehen unseren täglichen Verpflichtungen nach – steigen dieselbe Bahn, gehen zur selben Uni, während dennoch jeder ein eigenes, ganz individuelles Leben führt. Uns ist aber allen gemein, dass sich jedes Leben zu jedem Zeitpunkt fundamental ändern kann. Als ein gechartertes Flugzeug eines College Rugby Teams in den Anden abstürzte, wurde die darauffolgende Überlebensgeschichte als 'Wunder in den Anden' bezeichnet. 

 

 

Tag 1: Tag des Absturzes

Der Verein Old Christians Club Rugby Union in Montevideo sollte eine Partie in Santiago de Chile antreten und mietete dafür ein Flugzeug der uruguayischen Luftwaffe. Die Spieler luden ihre Freunde und Familienmitglieder ein. Statt einen Sieg über das gegnerische Team brachten sie einen Sieg über den Tod heim.

Am 13.10.1972 schlug das Flugzeug an eine Bergkette in den Anden, verlor dabei zunächst beide Flügel und mit der hinteren Hälfte sieben seiner Insassen. Der unerfahrene Co-Pilot glaubte den Kontrollpunkt für die Landung erreicht zu haben und leitete den Sinkflug ein. Da die Bergketten aufgrund der dichten Bewölkung verborgen blieben, bemerkte er seinen Fehler erst in letzter Sekunde. Das Flugzeug konnte nicht mehr auf Bahn gebracht werden und stützte in ein Tal in den Anden zur kältesten Zeit des Jahres.

Für Verzweiflung war keine Zeit: Die Passagiere mussten sich aus den Metallstrukturen des Rumpfes befreien und die schwer Verletzten triagieren. Der Co-Pilot und vier Passagiere erlagen in der ersten Nacht ihren Verletzungen. 

Bei Temperaturen von –25 °C benötigten sie dringend Unterschlupf. Sie entfernten die Sitze aus dem Rumpf, verbarrikadierten sich gegen die frigiden Luftverhältnisse und warteten auf Rettung. Über dessen Ankunft informierten sie sich mit einem Taschenradio. Je länger die erhoffte Nachricht auf sich warten ließ, desto mehr verloren sie die Hoffnung, bis sie am elften Tag erneut entfacht werden musste: Die Suche nach den Überlebenden wurde aufgegeben. Die Bergung der sterblichen Überreste wird im Februar stattfinden. Carlos Paez, mit 18 Jahren der jüngste Überlebende: „Da haben sich unsere Geschichte und unsere Haltung gewandelt: Wir hörten auf zu warten und fingen an zu machen. Wir haben realisiert, dass wir diese Geschichte schreiben würden, dass wir nur uns selbst hatten. Denn die ganze Welt hatte uns verlassen.“ 

Tag 11: Der Wille zu leben 

In dieser Lage haben die Überlebenden kurzerhand akzeptiert, dass sie eine Gemeinschaft bilden müssen, innerhalb derer jeder seinen Platz findet. Die drei Medizinstudenten Roberto Canessa, Gustavo Zerbino und Diego Storm wurden als Ärzte wahrgenommen. Sie waren in ihrem ersten Studienjahr und hatten zuvor keine Leiche gesehen. Roy Harley, Student des Ingenieurwesens, baute den Rumpf um und verbesserte die Antenne des Radios. Adolfo Strauch war für seine praktischen Lösungen bekannt: Er baute einen Wassersammler, bastelte Sonnenbrillen gegen Schneeblindheit und fertigte Schneeschuhe aus Sitzkissen. 

In den ersten Tagen konnten sie sich nur von den stark rationierten Snacks ernähren, die sie für die kurze Reise eingepackt hatten. Als diese aufgebraucht waren, wurden die Überlebenden einvernehmlich von einem Gedanken geplagt: Weit über der klimatischen Waldgrenze und im Angesicht des Hungertods, gab es nur eine Nährstoffquelle: die Leichname ihrer Freunde. Die Entscheidung, an ihnen zu zehren, wurde mit einem Pakt besiegelt: Im Falle des eigenen Todes darf die Leiche von den Hinterbliebenen gegessen werden. Für sie galten drei Prinzipien: Familie, Leben und das Recht zu leben. In einer Situation, in der man um sein Leben kämpft, habe man nicht den Luxus, zu weinen oder den Schmerz zu fühlen, erinnert sich Páez.

Tag 17: Die Gewalten der Natur

Um Mitternacht am siebzehnten Tag wurde der Rumpf von einer Lawine getroffen und begrub seine Insassen bei lebendigem Leibe. Acht Personen sind dabei umgekommen. Angesichts mangelnden Sauerstoffs mussten sich die Überlebenden bis zum Cockpit durchgraben, um frei atmen zu können. Sie wurden jedoch von einem Schneesturm erfasst und mussten drei Tage im Rumpf verweilen. „Es fühlte sich an, als sei Gott uns in den Rücken gefallen“ (Carlitos Páez)

Die Lawine stellt einen zweiten Wendepunkt in der Geschichte dar, denn sie überzeugte die Überlebenden davon, dass sie den Kopf füreinander hinhalten müssten. Roberto Canessa, Fernando Parrado und Antonio Vizintín glaubten, dass die einzige Rettung der Weg über die Berge ist. Für ihre selbstaufopfernde Reise wurden sie von den anderen ausgestattet und trainierten bei Expeditionen rund um ihre nähere Umgebung. 

Am dreiunddreißigsten Tag brachen sie auf in der Hoffnung, bald chilenische Steppe zu erreichen, kehrten jedoch nach zwei Tagen zurück. Sie hatten das Heck des Flugzeugs gefunden und einen Alternativplan entwickelt. Sie nahmen den designierten Ingenieur Roy Harley und das Funkgerät aus dem Cockpit mit, um mit den Flugzeugbatterien die Rundfunkanlage zu starten und ihr Überleben kundzutun. Das Ergebnis tagelanger Arbeit war ein Kurzschluss und die Erkenntnis, dass das Erzwingen der Berge ihre einzige Chance war. Sie entdeckten Isolationsmaterial im Heck, welches sie als Schlafsack benutzen und die kalten Nächte überleben könnten. Der Weg über die Anden schien zum ersten Mal machbar. 

Tag 60: „We die anyway, so let‘s die trying“

Parrado, Canessa und Vizintín begannen am sechzigsten Tag die Wanderung nach Hause. Sie waren jedoch für eine große Enttäuschung prädestiniert. Die irrtümliche Standortbestimmung des Co-Piloten ließ sie im Glauben, nach Erreichen der Bergspitze des Tals die grünen Felder Chiles zu erreichen. Nach drei Tagen bergauf blickten sie auf die andere Seite der Spitze und wurden vom Anblick endloser Berge schockiert. 

Dass sie jedoch nicht aufgeben würden, hatten sie zuvor schon bewiesen. Parrado und Canessa entschieden sich dennoch, weiterzuwandern und Antonio Vizintín zum Camp zurückkehren zu lassen – mit einer Botschaft: Sie werden wandern, bis sie sterben. 

Sie wanderten 54 Kilometer in zehn Tagen und wurden von einem chilenischen Fuhrmann entdeckt. Die verbleibenden Gruppenmitglieder hörten im Radio, dass Canessa und Parrado es geschafft hatten und die Rettungskräfte zum Unfallort führen werden. 

Heute sind die Überlebenden als sobrevivientes de los andes bekannt. Ihre Geschichte wurde in den Filmen Alive! (1993) und Die Schneegesellschaft (2023) sowie im Museum der Anden in Montevideo verewigt. In einem Interview definiert Carlitos Páez die Bedeutung dieser Geschichte für die Weltgeschichte: „Es ist eine Geschichte über junge Menschen. Ich glaube, sie zeigt ganz klar, dass alles möglich ist und die Bedeutung davon, die Initiative zu ergreifen. […] Und es ist eine Geschichte über den Kampf für das Leben. Denn tatsächlich ist das Wertvollste, was wir Menschen haben, unser Leben. Es ist eine brutale Geschichte mit gewöhnlichen Menschen. Jeder hätte Teil dieser Geschichte sein können.“ (Carlitos Páez).