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Kultur

Redaktion:
Auf dem Bild sieht man die die Hautpfigur des Filmes, benni, die mit ihrer Mutter einen Moment der Nähe hat
Systemsprenger aus dem Jahr 2019 (Foto: ©Yunus Roy Imer/Port au Prince Pictures)

Wenn Nähe wehtut

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Im Jahr 2019 in Deutschland entfaltet sich das Trauerspiel der neunjährigen Benni, eines schwer traumatisierten Mädchens, das die Grenzen jeder Hilfe überschreitet. Pflegefamilien, Wohngruppen, Inobhutnahmestellen – egal, wohin sie kommt, sie fliegt wieder heraus und gefährdet in ihrem Ausrasten sich selbst und andere. Für Benni bedeutet das einen endlosen Kreislauf von Maßnahmen, die keine wirkliche Lösung bieten und ihr die Nähe ihrer überforderten Mutter nicht ersetzen können. Der Film „Systemsprenger“ erzählt damit stellvertretend von Kindern in Deutschland, deren Leidensweg die Überforderung eines Systems sichtbar macht, das genau sie eigentlich schützen sollte.

Systemsprenger

Titel: Systemsprenger
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
Regie: Nora Fingscheidt
Laufzeit: 120 Minuten
Besetzung: Helena Zengel (Benni), Albrecht Schuch (Micha), Gabriela Schmiede (Frau Bafane)
FSK: ab 12

Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ ist ein intensives Sozialdrama über ein Kind, das durch alle Raster fällt. Im Zentrum steht die neunjährige Benni – verletzlich, impulsiv und voller Sehnsucht nach Nähe, die sie aber nicht zulassen kann. Wird sie im Gesicht berührt, sieht sie „rot“ – ein Reflex, ausgelöst durch ein frühkindliches Gewalttrauma, bei dem ihr Windeln ins Gesicht gedrückt wurden. Ein Platz in der Traumatherapie wäre dringend nötig, doch dieser ist nur mit stabiler Unterbringung möglich, die wiederum scheitert an Bennis Unberechenbarkeit. Die Sozialarbeiterin Frau Bafané bemüht sich mitfühlend, bleibt aber machtlos. Benni bedroht sogar sich und andere mit einem Messer und landet wiederholt in der stationären Klinik, eigentlich nur eine Inobhutnahmestelle, aber sie kehrt immer wieder dorthin zurück. Es steht andauernd die Verzweiflungsmaßnahme durch eine Unterbringung in Kenia im Raum. Allerdings ist die neunjährige viel zu jung dafür und so scheint es keine Lösung zu geben. Ein Hoffnungsschimmer ist der Schulbegleiter Micha, ein Anti-Gewalt-Trainer, der langsam Vertrauen aufbaut und an das verletzte Kind glaubt. Er nimmt Benni mit in den Wald zu einem dreiwöchigen Aufenthalt – ohne Strom, ohne Ablenkung. Doch auch diese Maßnahme bleibt ohne nachhaltige Wirkung. Stattdessen haben die Beiden eine Nähe aufgebaut, die gefährlich für Michas Familie ist. Benni sehnt sich nach Nähe und am allerliebsten von ihrer Mutter. Sie möchte unbedingt bei ihr Leben und flieht deswegen immer wieder aus Wohngruppen.

Weil ich immer so austicke, darf ich nicht zu Mama

Bennis Mutter verkörpert Schuld, Angst, Liebe und Überforderung in einer Person. Am liebsten möchte man die Mutter wachrütteln, damit sie wieder eine liebevolle Beziehung zu ihrer Tochter aufbaut. Doch leider ist mittlerweile die eigene Mutter von Benni verängstigt. Die eigene Familie sieht Benni als zu gefährlich, um mit ihr zu leben.

Wenn die Profis noch nicht mal mit ihr klarkommen, wie soll ich das dann schaffen?

Wenn Hilfe an ihre Grenzen kommt

„Systemsprenger“ zeichnet das eindringliche Porträt eines Kindes, das sich selbst nicht helfen kann – und einer Gesellschaft ohne Antworten. Benni ist kein böses Kind, sondern eines in höchster Not, dessen Geschichte stellvertretend für viele steht, die durch systemische Lücken fallen. Sie befindet sich in einem Kampf zwischen Selbstzerstörung und der Sehnsucht nach Liebe. Besonders erschütternd ist die Szene, in der Benni ihre erschöpfte Sozialarbeiterin tröstet – ein Rollentausch, der die tägliche Verzweiflung der Beteiligten greifbar macht. Mitarbeiter:innen des Jugendamts, Sozialarbeiter:innen, Erzieher:innen, Pflegeeltern, Anti-Gewalt-Trainer:innen, Psycholog:innen – unzählige Profis zerbrechen an der Ohnmacht, ein noch so junges Mädchen angemessen unterzubringen. „Systemsprenger“ zeigt, dass selbst die Besten nicht immer eine Lösung bieten können. Es ist ein Fall, auf den das System keine Antwort mehr hat – und genau das sprengt das System.

Wie ein großer Schrei auf der Leinwand

Helena Zengels Darstellung als Benni ist herausragend – mit gerade einmal neun Jahren während der Drehs vermittelt sie intensive Gefühle so packend, dass sie unter die Haut gehen. Wild, verletzlich, absolut glaubwürdig: Ihre abrupten Stimmungswechsel wirken erschreckend real und machen Bennis inneres Chaos sichtbar und spürbar. Der Film hat keinen Bedarf für ästhetische Aufnahmen, sondern fokussiert sich auf die Leiden eines Kindes und allen Beteiligten. Die Kamera bleibt deshalb immer nah an ihrem Gesicht und zwingt das Publikum zum Miterleben.

 

„Systemsprenger“ ist anstrengend, manchmal kaum auszuhalten und genau das ist die Stärke. Es ist ein Film, der einen nicht loslässt und den man so schnell nicht vergessen kann. Ohne Verschnaufpause jagt eine erschütternde Szene die nächste und projiziert so den Zuschauer:innen die Sehnsucht nach Frieden für Benni.

Es offenbart schonungslos die Grenzen der deutschen Jugendhilfe und macht deutlich, wie wichtig traumasensible und langfristige Unterstützung ist.

Redigat: mf