Kultur

Warum Cameron Winter der musikalische Star der Stunde ist
New York hat in dem letzten Jahr einen neuen Shooting Star hervorgebracht. Wenige Persönlichkeiten haben die Meinungen in Online-Musik-Diskussionen so gespalten wie Cameron Winter und seine Band Geese. Für manche war der Aufstieg der Indie-Band eine verdiente Belohnung für jahrelange Kreativität und für die anderen klingt die manchmal schwer greifbare Musik der Band eher wie Ohrenschmerz in Musikform. Mit ihrer anstehenden Welttournee kommt die Band bald auch nach NRW.
Die Bühnentür ist noch nicht mal ganz geöffnet und schon bricht ein tosender Applaus aus. Ein etwas schüchtern wirkender Cameron Winter begibt sich in Richtung des einsamen Klaviers im Zentrum der Bühne. Die Sturmfrisur scheint heute ausnahmsweise mal gekämmt worden zu sein und sogar die feinsten Sonntagsklamotten scheint er ausgepackt zu haben. Immerhin spielt er hier nicht nur irgendein Konzert, sondern er ist der Headliner in der Carnegie Hall – einer der wichtigsten und kulturell bedeutendsten Konzerthallen Amerikas und diese ist heute „extrem ausverkauft“, wie das GQ-Magazin in ihrem Bericht über diesen besonderen Abend bemerkte. Gefilmt wird die Performance dabei auch noch von niemand anderem als den Regiegrößen Paul Thomas Anderson und Benny Safdie. Nur sehr wenige Menschen waren jünger als der 23-jährige Cameron, als sie in der Carnegie Hall auftreten durften. Lediglich Musiklegenden wie Bob Dylan und Tim Buckley hatten diese Ehre noch früher.

Also, was ist hier los? Wie kann es sein, dass der in Brooklyn geborene Cameron Winter in so einem jungen Alter aus dem Nichts so viel Aufmerksamkeit in der Musikszene auf sich zieht? Das Ganze hat schon die Dimensionen erreicht, dass Leute im Internet, die nichts mit seiner sehr exzentrischen Musik anfangen können, mit dem musikalischen Allzweck-Schimpfwort „Industry-Plant“ um sich werfen. Der Vorwurf, dass die Band von der Musik-Industrie künstlich in den Mainstream gedrückt wurde, basiert auf einer quasi nicht existierenden Beweislage. Geeses Aufstieg ist nämlich gar nicht so plötzlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Cameron Winter formte schon im Alter von 14 Jahren mit seinen Schulfreunden die Band Geese.
Nach ihren ersten zwei vielversprechenden, aber noch etwas identitätsfindenden Alben bekamen sie mit ihrem dritten Album „3D Country“ endlich die wohlverdiente erste Aufmerksamkeit von Musikkritiker:innen. „3D Country“ ist immerhin eine wahrlich außergewöhnliche, manchmal etwas schwierige, aber immer äußerst belohnende Erfahrung. Musikalisch irgendwo zwischen Blues, Rock, Indie und Country mit Camerons kryptischen, surrealen Texten reißt das Album einen in ein zutiefst spaßiges und packendes Chaos. Was vor allem stets raussticht, ist Camerons zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftiger Gesangsstil. Teils wie ein angeschossener – und manchmal eher wie ein tollwütiger Wolf – heult er über die manischen, kreativen Instrumentalpassagen seiner Bandmitglieder und spaltet damit sein Publikum: Entweder man hasst es oder man möchte nie wieder einem anderen Sänger zuhören. Das „Rumgeheule“ und die Rezeption dessen erinnern direkt an eine ebenfalls notorisch exzentrische Musiklegende, die ebenfalls in der Carnegie Hall im ähnlichen Alter zum ersten Mal auftrat – Bob Dylan. Der Einfluss des Literaturnobelpreisträgers wurde schnell noch klarer auf Cameron Winters Solo-Material. Hier ist Dylan nicht nur in der hoch- und runter-schwankenden Stimme zu finden, sondern auch in den melancholischen, zutiefst poetischen Songtexten. Auf einer seiner ersten Solo-Singles „Take it With You“ sollten aufmerksame Zuhörer:innen durch Zeilen wie „Your travelling companion will be memories / You can lie awake with thoughts of simpler times / You can love me from afar if that’s what puts you at ease / But you won't be on my mind“ und der ruhigen Gitarrenbegleitung direkt an frühe Dylan Lieder wie „One Too Many Mornings“ oder „Girl from the North Country“ erinnert werden.
Dieser wunderschöne, aber oft trübselige Schreibstil sollte auf Camerons erstem Solo-Album „Heavy Metal“ Ende 2024 voll und ganz aufblühen. Vor allem die bittersüße Single „Love Takes Miles“ wurde direkt zu einer Indie-Hymne, die man in Musik-Diskussions-Foren kaum noch umgehen konnte. Während auf Winters Solo-Material die Stimmung deutlich weniger chaotisch und eher reflexiv und ruhig ist, bekommt man hier dennoch auch ein paar Erinnerungen an seine musikalisch-anarchischen Wurzeln auf Klavier-Wirbelstürmen wie „Nina + Field of Cops“ oder wenn Cameron – welcher eigentlich Agnostiker ist – auf dem Fan-Favoriten „0$“ plötzlich (möglicherweise satirisch) „GOD IS REAL / GOD IS ACTUALLY REAL / I’M NOT KIDDING THIS TIME GOD IS ACTUALLY FOR REAL“ aus seiner Seele schreit. Das facettenreiche Album findet stets neue Wege, seine Zuhörer:innen mit einer emotionalen Rauheit und ehrlichem Songwriting zu faszinieren.
Der musikalische Doppelschlag, der Geese und Cameron Winter dann endgültig in den Musik-Nerd-Himmel schoss, war, als kurz nach dem Solo-Album dann noch Geese’s viertes Album „Getting Killed“ rauskam. Hier fand die Band die perfekte Mischung aus all den Stärken ihrer vorherigen Alben. Man bekam sowohl die dynamischen, kreativen Instrumentals auf Liedern wie „Bow Down“ oder „Getting Killed“, das aufreibende, laute Chaos auf dem Opener „Trinidad“ oder dem Closer „Long Island City Here I Come“ und sogar die einfühlsame Melancholie von Winters Solo-Arbeit kommt auf „Au Pays du Cocaine“ durch. Das letztere wurde mit herzzerreißenden Textzeilen wie „Baby you can change and still choose me“ schnell zum beliebtesten Song der Band.
Seit letztem Jahr scheint das Momentum der Band kaum noch zu stoppen. Eine Lobeshymne nach der anderen von Kritiker:innen, eine Welttournee (die in 2 Monaten auch einen Stopp im Palladium in Köln einlegt), zwei TV-Auftritte bei Jimmy Kimmel und die Anfangs benannte Show in Carnegie Hall. In ihrer Heimat Brooklyn scheint die Band sogar so sehr in den Mainstream gebrochen zu sein, dass selbst der neue Bürgermeister New Yorks, Zohran Mamdani, in einem Interview nach seinem Lieblingssong der Band gefragt wurde (was er mit „Long Island City Here I Come“ beantwortete).
Dass die Musik für viele beim ersten Mal überhaupt nicht klicken wird, ist klar. Geese und Cameron Winter machen wahrlich außergewöhnliche Musik, die mit ihrer regellosen Exzentrizität und ihrem jodelähnlichen Gesang erstmal viele Zuhörer:innen abstoßen wird. Doch wenn man sich auf das Chaos einlässt, bekommt man gnadenlos emotionale Kunst, die ihresgleichen sucht. Um einen Einstieg in die Band zu finden, sind konventionell hübschere Lieder wie „Love Takes Miles“ und „Au Pays Du Cocaine“ die offensichtliche Anlaufstelle. Sonst kann man auch einfach eins der letzten Tickets für ihre Show in Köln ergattern und so einen persönlicheren ersten Eindruck der Band bekommen.
Redigat: mf
