Kultur

„The Odyssey“ – Ein Epos wird zum Film
Ein Gastbeitrag von Iason Weinmann
Die Geschichte basiert auf Homers „Odyssee“, einem Epos, das vor rund 2.700 Jahren entstand und bis heute zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur zählt. Die „Odyssee“ erzählt die Heimreise des griechischen Helden Odysseus nach Ithaka, wo er König ist und seine Frau Penelope auf ihn wartet. Dieser wurde nach dem Ende des Trojanischen Krieges von den Göttern auf eine abenteuerliche Irrfahrt geschickt. Auf seinem Weg begegnet er zahlreichen Gefahren, darunter dem Zyklopen Polyphem, den Sirenen, der Zauberin Kirke und dem Meeresgott Poseidon, welche ihm die Heimkehr erschweren. Zudem steigt die Anspannung in seiner Heimat Ithaka, da das Land ohne König verweilt und sich immer mehr Freier einen Platz an Penelopes Seite erhoffen.
Sprünge zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Epos und Film liegt in der Art, wie die Geschichte erzählt wird. Homers „Odyssee“ beginnt nicht mit dem Trojanischen Krieg oder der Abreise des Helden. Stattdessen befindet sich Odysseus bereits seit vielen Jahren auf seiner Heimreise. Erst später berichtet er selbst von seinen früheren Erlebnissen. Dadurch entsteht eine Handlung, die zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt. Auch Christopher Nolan verwendet Zeitsprünge und Rückblenden, jedoch werden im Film verschiedene Handlungsstränge miteinander verbunden, wodurch die Geschichte aus mehreren Blickwinkeln erzählt wird und teilweise parallel abläuft. Das Erzähltempo wird dadurch und durch das Weglassen einiger Nebenhandlungen stark angehoben. Doch trotz dieser Änderungen spiegelt sich Homers Grundstruktur im Film noch gut wider.
Odysseus, mehr als nur Held?
Homer beschreibt Odysseus als klugen und listenreichen Mann, der seinen Verstand nutzt, um Probleme zu bewältigen. Dabei wird er oft auch als hochnäsig, selbst überschätzend und skrupellos dargestellt, wodurch er sich immer wieder in Probleme hineinreitet. Nolan gibt Odysseus zusätzlich einen tiefgründigeren Charakter. Von Sorge und Schuldgefühlen geplagt zeigt sich ein eher emotionaler Odysseus, welcher Entscheidungen hinterfragt und selbstkritisch über seine Vergangenheit nachdenkt.
Irrfahrt durchs Mittelmeer
Die Irrfahrt bildet den größten Teil der Handlung. Auf seinem Weg nach Ithaka hält Odysseus an insgesamt 14 Stationen, um dort seine Prüfungen zu bestehen. Für den Film wurden einige dieser Stationen entfernt oder zusammengefasst. So wird das Land der Lotophagen oder die Insel des Aiolos komplett aus der Handlung herausgenommen und die Lotosblumen des Vergessens mit der Nymphe Kalypso kombiniert. Auch die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem wurde sehr stark abgewandelt, was zu einiger Kritik geführt hat.

CGI
CGI (Computer Generated Imagery) sind computergenerierte Spezialeffekte und Bilder, die in Filmen zur Darstellung von Figuren, Kulissen oder anderen visuellen Effekten eingesetzt werden.
Moderne Kostüme, antike Kulissen
Auch für das Kostümdesign hagelt es heftige Kritik. Diese werden als unauthentisch und zu modern betitelt und zeigen deutlich, dass es sich bei „The Odyssey“ um eine moderne Interpretation handelt, bei der auch Pop-Kultur-Elemente wiederzufinden sind.
Großes Lob dagegen wird dem Film für die Auswahl der Drehorte zugesprochen. Die Szenen wurden weitestgehend vor Ort mit praktischen Effekten und ohne große Nutzung von CGI gedreht. So wurde z. B. die Szene mit dem Zyklopen in der Nestorhöhle in Griechenland gedreht. Allein dafür zählt der Film unter einigen Filmkritiker:innen zu einem aussichtsreichen Oscar-Kandidaten in der Kategorie „Bestes Szenenbild“.
Fazit
Mit „The Odyssey“ erschuf Christopher Nolan eine moderne Neuinterpretation von Homers berühmtem Epos. Obwohl der Film an einigen Stellen deutlich von der Vorlage abweicht, bleiben die wichtigsten Themen und Elemente erhalten. Wer eine originalgetreue Verfilmung erwartet, wird Unterschiede feststellen. Trotzdem bietet „The Odyssey“ mit einer spannenden Inszenierung und beeindruckenden Bildern ein sehenswertes Kinoerlebnis.