Kultur

The Electric State - Gefangen zwischen Realität und Illusion
Eine bedrohliche Ruhe liegt über dem gesamten Land. Teile von kaputten Robotern liegen verstreut herum. Kaum ein Mensch ist zu sehen. Nur ein Mädchen streift mit einem Roboter durch die verlassene Landschaft, auf der Suche nach ihrem Bruder: Darum geht es in „The Electric State“ von Simon Stålenhag aus dem Jahr 2021. Die Handlung des Buches spielt in einem alternativen Amerika der 90er Jahre, das sich gar nicht so sehr von der heutigen Realität unterscheidet.
Zwischen Zerstörung und technologischem Fortschritt
Das Buch des schwedischen Künstlers und Autors behandelt ein populäres Thema, und zwar den Kampf zwischen Mensch und Maschine. Hierbei gibt es jedoch einen Twist: Der große Krieg hat bereits stattgefunden. Was geblieben ist, sind die Trümmer und die Überbleibsel einer Hightechgesellschaft. Das Technologieunternehmen Sentre hat ein Virtual-Reality-System hervorgebracht, dem ein Großteil der Bevölkerung zum Opfer gefallen ist. Zu dem System gehören die sogenannten „Neurocaster“. Das sind Helme, die virtuelle Simulationen vorspielen. Sie haben die Nation in ihren Bann gezogen.
Als einst harmloses Freizeitvergnügen gedacht, ähnlich wie das Fernsehen oder Videospiele, entwickelt sich schnell eine Sucht, durch den immer wieder wechselnden Algorithmus. Dieser bietet den Menschen ständig neue Inhalte. Dieses Phänomen aus dem Buch lässt sich ebenfalls heute in sozialen Medien beobachten, zum Beispiel auf YouTube oder TikTok. Die Abhängigkeit der Menschen geht in dem Buch so weit, dass die Bevölkerung jegliche andere Sinneswahrnehmungen ausblendet oder die Kontrolle über Körperfunktionen verliert. Wenige bleiben davon verschont: Michelle, die Protagonistin, ist dank einer besonderen Gehirnstruktur immun gegen die Neurocaster. Auch das Gehirn ihres Bruders Skip weist eine Besonderheit auf, weshalb er für Experimente festgehalten wird.


Eine Atmosphäre wie in einem Horrorroman
Ein Aspekt, der im Buch besonders hervorsticht, ist die unbehagliche Atmosphäre. Obwohl es sich um einen Roman handelt, sind in dem Buch mehr Bilder als Text vorhanden. Die Hintergrundgeschichte der gezeigten Realität wird durch Text beschrieben. Die eigentliche Handlung des Romans wird allerdings mittels Bildern erzählt. Großformatige Zeichnungen zeigen eine verlassene Gegend und inmitten dieser die Protagonistin Michelle, zusammen mit einem kleinen Roboter. Gesteuert wird dieser von niemand anderem als Michelles kleinem Bruder, der in einem Bett in weiter Ferne liegt und mit seinem Gehirn an einen Neurocaster angeschlossen ist. Michelle weiß nicht, wo sich ihr Bruder genau befindet. Sie versucht, mit dem Roboter ihn zu finden. Auf dem Weg liegen an Straßenrändern Leichen von Menschen mit Neurocastern auf dem Kopf. Überreste von gigantischen Robotern sind überall im Land verteilt. In den wenigen Augenblicken, in denen die Protagonisten lebenden Menschen begegnen, sind diese meist so sehr von den Neurocastern vereinnahmt, dass sie kein Interesse an ihrem Umfeld zeigen.
Die Roboter, die durch den Krieg nicht vollends zerstört wurden und sich immer noch frei umherbewegen, machen die Bilder so eindrucksvoll. Riesenhaft, bunt bemalt und mit grinsenden Gesichtern tauchen die Roboter auf, ohne die Helden anzugreifen oder ihnen zu helfen. Das alles ist gepaart mit einer typischen 90er-Jahre-Ästhetik, die das gesamte Szenario unheimlich erscheinen lässt.
„The Electric State“ ähnelt damit eher einer Horrorstory, die innerhalb einer postapokalyptischen Handlung platziert ist. Der Horror kriecht eher subtil unter die Haut, statt einem direkt ins Gesicht zu springen.

Beyond the grotesque, there was also something else – something majestic
Michelles Gedanken beim Anblick der riesenhaften Roboter

Leise und Subtil statt Action
„The Electric State“ ist ein großartiges Buch, gerade weil es nicht laut ist und nicht in jeder zweiten Szene Action bereithält, wie es für dieses Genre üblich ist. Die Erzählweise, in der nichts vollkommen aufgeklärt wird, lässt genug Freiraum für Interpretationen. Es zeigt damit, dass Krieg, ungebremster technologischer Fortschritt und das Verhältnis von Mensch und Maschine nicht durch laute Action und überladene Bilder vermittelt werden müssen. Stattdessen reicht es aus, das stille, verlassene Endergebnis der Zerstörung zu zeigen. So wird den Leser:innen anschaulich vorgeführt, wozu Fortschritt um jeden Preis letztlich führen kann.
Im Jahr 2025 erschien eine Netflix-Verfilmung von „The Electric State“ mit Millie Bobby Brown in der Hauptrolle. Auch andere bekannte Schauspieler:innen wie Chris Pratt spielten mit. Der Actionfilm unterscheidet sich stark vom Inhalt des Buches, sodass die Geschichte im Film nicht mehr viel mit der ursprünglichen Handlung gemein hat. Hinzu kommen die stereotypischen Dialoge, die die Adaption zu einem typischen Hollywood-Blockbuster haben werden lassen, der dem Originalmaterial leider nicht gerecht werden kann.
Redigat: mf
