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Kultur

Eine Nahaufnahme einer Schreibmaschine mit dem Schriftzug „Übersetzt Von…“
Schreibmaschine (Symbolbild)

Raus aus der Unsichtbarkeit

Ein Gastbeitrag von Charlotte Riedel

Auf dieser Seite

„Endlich auf Deutsch“, heißt es freudig auf BookTok und Bookstagram. In den Rezensionen schwärmen Leser:innen von der schönen Sprache, vom lyrischen Stil, von atmosphärisch geschriebenen Passagen, und sprechen Lob für die Autor:innen aus. Aber ein Lob für eine gelungene Übersetzung findet man kaum.

Oft sind mehr als die Hälfte der Titel der Spiegel-Bestsellerliste Werke, die aus anderen Sprachen ins Deutsche übertragen wurden. Und wenn man einen fremdsprachigen Roman auf Deutsch in den Händen hält, sind nicht allein die Autor:innen, sondern auch die Übersetzer:innen verantwortlich für die schöne Sprache, und den lyrischen Stil. Ein übersetzter Text wird zweimal geschrieben: einmal in der Fremdsprache und einmal auf Deutsch. Denn fremdsprachige Autor:innen schreiben keine deutschen Texte. Lisa Kögeböhn ist eine erfolgreiche Übersetzerin. Sie hat an der Heinrich-Heine-Universität Literaturübersetzen studierte. Sie spricht vom (Un-)Sichtbarkeitsparadox: „Je besser die Übersetzung, desto unsichtbarer bleibt der oder die Übersetzer:in. Meist fällt dir die Übersetzung nur auf, wenn es im Deutschen holpert.“

Das Übersetzen ist nicht bloß ein technisches Handwerk. Es ist ein kreativer Akt, der viel Feingefühl und ein tiefes Sprachverständnis erfordert. Eine Übersetzung ist ein neuer, eigener Text und Übersetzende sind rechtlich gesehen Urheber:innen dieses neuen Textes. Indem sie Literatur über Sprachgrenzen hinweg zugänglich machen, leisten sie zudem unverzichtbare Kulturarbeit. Denn „ohne Übersetzerinnen und Übersetzer gäbe es keine Weltliteratur“, betont das Übersetzerhaus Looren.

Zum 20-jährigen Jubiläum initiierte das Haus die Kampagne „Name the translator!“. Gemeinsam mit Partnerorganisationen und zahlreichen Übersetzer:innen setzt sie sich für mehr Sichtbarkeit und Anerkennung ein. Übersetzer:innen sollen überall dort genannt werden, wo auch die Autor:innen des Originals erscheinen.

Auch Lisa Kögeböhn engagiert sich für mehr Sichtbarkeit und Anerkennung. Unter dem Hashtag #namethetranslator postet sie beispielsweise auf Instagram: „Vier Wörter. 'Übersetzt von Tina Translatora' dafür ist in jeder Rezension Platz.“

Auch Marij Hartwig und Alicia Rein, zwei Absolventinnen des Masterstudiengangs „Literaturübersetzen“ an der HHU, die inzwischen als Übersetzerinnen arbeiten, äußern sich zu dem Thema.

Die beiden finden: „Der wichtigste Schritt für eine größere Sichtbarkeit von Übersetzer:innen ist zweifellos unsere Nennung auf dem Buchcover.“ Doch da diese Entscheidung bei den Verlagen liegt, versuchen sie auf anderem Wege ihre Sichtbarkeit zu stärken.

„Ich selbst setze mich vor allem über Social Media für die Sichtbarkeit meines Berufs ein“, erzählt Marij, „indem ich Einblicke in meine Übersetzungsarbeit gebe. So wird unsere Arbeit greifbarer, für Leser:innen aber auch innerhalb der Branche, und das sorgt vielleicht sogar für eine angemessenere Vergütung.“

Auch Alicia ist auf Instagram aktiv. Zudem nutzt sie ihren Nebenjob als Buchhändlerin: „Ich erwähne Übersetzer:innen regelmäßig, etwa wenn ich Kund:innen ein Buch empfehle oder besonders gelungene Übersetzungen hervorhebe. Mit solchen scheinbaren Kleinigkeiten versuche ich, das Bewusstsein der Leser:innen für die Arbeit von uns Übersetzer:innen zu schärfen.“

Welchen Einfluss soziale Medien haben können, zeigt insbesondere BookTok: Kurze Videos über das neue Lieblingsbuch krempeln den Buchmarkt um, treiben Verkaufszahlen in die Höhe und schaffen Bestseller. Die Trends der Plattform dienen längst auch Verlagen als Orientierung. In den Medien ist sogar von einer Rettung des Buchmarkts die Rede. Warum also nicht diese Reichweite nutzen? Ein kurzer Satz würden genügen, um die Sichtbarkeit von Übersetzer:innen nachhaltig zu stärken: „Übersetzt von …“