Kultur

Popkultur, die auf die Straße geht
Fünf Tage, über 130 Programmpunkte, mehr als 30.000 Besucher:innen und ein Stadtteil, der sich der Popkultur hingibt: Das c/o pop Festival in Köln-Ehrenfeld bot auch 2026 eine Mischung aus Clubshows, Secret Gigs und Straßenfest. Ergänzt wurde das Musikprogramm durch spontane Auftritte im öffentlichen Raum, Mitmachaktionen und ein frei zugängliches Straßenprogramm.
Festivalauftakt: Nähe statt Distanz
Die Opening-Show von Fuffiffuzich im Schauspiel Köln wirkte zunächst wie ein geordnetes und ruhiges Konzert mit bestuhltem Saal. Doch schnell wurde klar, dass dieser Rahmen nicht lange halten würde. Laut Fuffiffuzich, sei es ihr Ziel gewesen, dass das Publikum am Ende der Show steht. Als sie die Zuschauer:innen schließlich auf die Bühne holte, verwandelte sich der Saal endgültig in eine gemeinsame Tanzfläche. Ein Auftakt, der sinnbildlich für das stehen sollte, was in den kommenden Tagen folgen würde: Nähe statt Distanz, Mitmachen statt nur Zuschauen.


Die musikalische Bandbreite: von gefühlvoll bis elektronisch
Die musikalische Vielfalt des c/o pop Festivals wurde auch 2026 wieder deutlich. Zwischen gefühlvollen Indie-Sets und kompromisslosen elektronischen Sounds lag oft nur ein kurzer Fußweg durch Ehrenfeld. Ein Beispiel dafür war der Auftritt von Paula Engels. Auf der Platte eher im Indie-Pop mit elektronischen Einflüssen verortet, entfaltete sich ihr Sound live deutlich intensiver. Der Raum vibrierte, die elektronischen Elemente drückten durch den gesamten Saal, ein Erlebnis, das eher an einen Club-Rave erinnerte. Bemerkenswert war auch das Publikum: Als Paula Engels einen Moshpit ankündigte, wich die Menge zunächst zurück. Doch als die Künstlerin selbst von der Bühne in das Publikum ging, um Teil des Moshpits zu sein, machten schließlich alle mit. Es sollte nicht das einzige Mal sein, dass Künstler:innen Teil des Publikums werden. Nicht weniger eindrucksvoll präsentierte sich die Pariser Band Ditter im artheater. Ihr erster Auftritt in Deutschland war roh, laut und politisch. Mit einer Mischung aus Punk und Indie-Pop gelang es ihnen schnell, das Publikum für sich zu gewinnen. Besonders Songs wie „Me Money & Politics“ machten klar, dass hier nicht nur Musik gemacht wird, sondern Haltung transportiert wird und das auf eine rebellische Art und Weise. Ihre Massage: Everything is politics!
LGoony sprengt den Rahmen
Das wohl prägnanteste Konzert des Festivals spielte sich jedoch vor und im Club Bahnhof Ehrenfeld ab. Schon lange vor Beginn bildete sich eine Schlange vor dem Auftritt von LGoony. Während man sich bei anderen Shows meist problemlos von Location zu Location bewegen konnte, war hier plötzlich Warten angesagt. Als aus dem Club immer wieder „LGoony! LGoony! LGoony!“ skandiert wurde, wurde deutlich, welche Erwartungshaltung hier herrschte. Sein Ruf als einer der prägenden Künstler des deutschen Trap eilte ihm voraus. Der Club Bahnhof Ehrenfeld wirkte für den Andrang deutlich zu klein. Es war eines der wenigen Konzerte des Festivals, bei dem der Zugang zur Musik nicht selbstverständlich war, sondern erkämpft werden musste. Gerade das machte den Moment besonders: Während drinnen gefeiert wurde, standen draußen Menschen, die nur zuhören konnten.


Musik überall: Die Secret Shows
Ein zentrales Element des c/o pop sind die sogenannten Secret Shows. Kurzfristig angekündigt, oft an ungewöhnlichen Orten, wie einer geöffneten Hausfassade und vor allem: kostenlos zugänglich für alle. Besonders auffällig war dabei der Auftritt von Alexander Marcus, der mit Songs wie „Elektriker“ oder „Hawaii Toast“ für eine Mischung aus Überraschung, Ironie und kollektiver Party sorgte. Es wurde nicht mehr nur das zahlende Publikum angesprochen, sondern Besucher:innen der Venloer Straße und des gesamten Viertels.
Dazu passte, dass der Sonntag vollständig auf kostenlose Konzerte setzte. Diese fanden nicht in Clubs oder klassischen Konzerthallen statt, sondern in einer Sparkassenfiliale oder einer KVB-Bahn.
Köln-Ehrenfeld als Erlebnisraum
Ehrenfeld wurde für fünf Tage in einen offenen Erlebnisraum verwandelt, in dem Musik nur einen Teil eines deutlich größeren Ganzen ausmachte. Die Venloer Straße war gesperrt, statt Verkehr prägten Menschenströme und Musik das Bild. Es entstand weniger ein klassisches Festivalgelände als vielmehr ein Straßenfest. Entlang der Straße reihten sich verschiedenste Stände und Aktivitäten aneinander. Am Ende befand sich die c/o pop-Bühne. Ein zentraler Anlaufpunkt war der Wagen des Radiosenders COSMO am Anfang der Straße, welcher als beliebte Bühne genutzt wurde. Hier liefen durchgehend Sets und Live-Auftritte, unter anderem von Eko Fresh. Man musste kein Ticket vorzeigen, kein Gelände betreten. Diese Form von niedrigschwelliger Kultur sorgte dafür, dass sich nicht nur Festivalbesucher:innen, sondern auch zufällige Passantinnen unter das Publikum mischten.
Doch die Venloer Straße bot weit mehr als nur Musik. Neben klassischen Festival-Snacks gab es ein vielfältiges gastronomisches Angebot aus internationaler Küche, dicht nebeneinander angeordnet. Gleichzeitig präsentierten sich Initiativen und Organisationen, die die Gelegenheit nutzten, mit Besucher:innen ins Gespräch zu kommen. So konnte man sich beispielsweise direkt vor Ort einen Organspendeausweis ausfüllen. Daneben gab es Angebote, für die spontane Festivalstimmung: Tattoo- und Piercingstände, kleine Verkaufsflächen mit Kleidung oder Accessoires.
Unter den Besucher:innen war auch Matteo Klein. Er besuchte das c/o Pop in diesem Jahr nur am letzten Festivaltag und zog dennoch ein durchweg positives Fazit. Besonders die niederschwelligen Angebote ohne Ticket blieben ihm im Kopf.
Mir hat das c/o Pop großen Spaß gemacht, auch ohne Ticket konnte man viele tolle Acts sehen, gratis Mcflurrys abstauben und einfach eine gute Zeit haben. Ich war tatsächlich ein bisschen traurig, dass ich das erste Mal erst am letzen Tag da war. Ich komme nächstes Jahr auf jeden Fall wieder und nehme das ganze Wochenende mit.
Matteo Klein, Besucher am Festival-Sonntag
Ein Festival für alle
Ein oft formulierter Anspruch vieler Festivals lautet Zugänglichkeit. Beim c/o pop wird dieser Anspruch zumindest in Teilen eingelöst. Die Vielzahl an kostenlosen Angeboten, insbesondere die Secret Shows und das Programm auf der Venloer Straße, ermöglicht es auch Menschen ohne Ticket, Teil des Geschehens zu werden. Das zeigt sich auch im Publikum: Die Crowd war auffällig durchmischt. Von sehr jungen Besucher:innen bis hin zu älteren Generationen war alles vertreten. Damit sich alle, trotz der großen Menschenmassen sicher fühlten, gab es vor Ort ein Awareness-Team, Ruheräume und eine App, die über ausgelastete Locations informierte.
Das c/o pop Festival 2026 hat erneut verdeutlicht, dass es sich nicht auf eine Abfolge von Konzerten reduzieren lässt. Ob in vollen Clubs, auf improvisierten Bühnen oder mitten auf der Straße: Entscheidend ist weniger, wo etwas stattfindet, sondern dass es passiert.
Redigat: mf
