Kultur

Musik für Alle: Das Pfingst Open Air 2026
Auch dieses Jahr verwandelte das Pfingst Open Air in Essen eine kleine Wiese in einen Ort, an dem alle willkommen sind. Hier treffen Pop und Indie auf Electro und Punkrock und bekannte Künstler:innen auf Newcomer:innen. Es findet ganz im Sinne der Umsonst & Draußen Festivalkultur kostenlos und unter freiem Himmel statt. Diese Idee hat eine lange Tradition und ist angesichts steigender Ticketpreise relevanter denn je.
Mehr als Livemusik
Bereits zum 41. Mal feierten am 23.5. bei strahlendem Sonnenschein über 10.000 Menschen beim Pfingst Open Air. Künstler:innen wie Jassin und das Lumpenpack gehörten zum Line-up, sowie kulinarische Angebote und jede Menge gute Laune. Das Festival gibt es seit 1980. Gefördert wurde es zu Beginn von der Stadt Essen, veranstaltet als Kooperation zwischen dem Essener Jugendamt und dem Rockförderverein Essen e. V. Mittlerweile wird es in Partnerschaft mit dem Veranstaltungsunternehmen und Musikmanagement „Indie Radar Ruhr“ geführt. Doch der Anspruch ist gleichgeblieben: mehr als nur ein Musikfestival zu sein. Während die Livemusik auf mittlerweile drei Bühnen die Grundlage bildet, gehören zum Festival auch der Austausch, gelebte Kultur und Gemeinschaft. Das erreichen die Veranstalter:innen nicht zuletzt durch den unkomplizierten Zugang zum Festivalgelände. Der ist nämlich kostenlos. Finanziert wird das Ganze von der Stadt Essen und Drittmitteln. Diese werden vor allem von ortsansässigen Sponsoren zur Verfügung gestellt.


Drei Bühnen und viel zu entdecken
Beim Pfingst Open Air kann das Gelände nach einer kurzen Personenkontrolle problemlos erkundet werden. Das Festival zeichnet sich besonders durch seine Vielfältigkeit bei den Besucher:innen aus. Von Familien mit Kleinkindern bis hin zu Senior:innen sind alle Altersgruppen vertreten. Einige sind schon um 13 Uhr, zu Beginn des Festivals, da. Auf der Main Stage finden sich größere Artists wie Emma Rose, Jassin oder das Lumpenpack. In den letzten Jahren traten hier bereits Größen wie Apsilon, Blumengarten, Clueso oder Giant Rooks auf – teils noch vor ihrem Durchbruch. Neben der Mainstage gibt es außerdem seit diesem Jahr erstmals die Localstage. Mit ihr wird ein neuer Fokus auf lokale, noch unbekannte Artists gesetzt. Hier tritt beispielsweise die Bochumerin MARNELE auf. Auf beiden Stages sind vor allem Indie-, Pop- und HipHop-Acts zu sehen und zu hören. Oft haben diese auch eine politische Message. The TCHIK thematisiert beispielsweise veraltete Rollenbilder und sozialpolitische Diskurse, während Das Lumpenpack in ihren Texten gesellschaftskritisch wird.
Fans von elektrischen Beats hingegen werden auf der E-Wiese fündig. In diesem und in vergangenen Jahren legten hier unter anderem KarmaKid, BLANKA oder Konfusia auf.
Plastic Peaches – Indie-Grunge-Pop zum Festivalauftakt
Mit ihrem genreübergreifenden Sound und nahbaren Lyrics wird die MainStage von der Newcomer-Band Plastic Peaches aus Essen eröffnet. Sie sind zwar noch nicht so bekannt, eröffnen die MainStage aber mit umso mehr Energie. Inspiriert von Bands wie Wet Leg und The 1975 mischen sie in ihren Songs Indie, Grunge und Dream Pop.
Emma Rose – Dreamy Sounds und feministische Texte
Zwischen feministischem Indie und dreamy Bedroom-Pop zeigt sich die Bochumer Singer-Songwriterin Emma Rose immer wieder von ihrer ehrlichsten Seite. In Songs wie „Liebe Süße Mädchen“ und „Die Gleiche“ thematisiert sie zum einen sexistische Frauenbilder sowie auch Selbstzweifel. Damit trifft sie den Puls der Zeit und den des Festivals.
Jassin – zwischen Zweifel und Hoffnung
Auf Streamingplattformen veröffentlicht er erst seit 2024 Musik, ist mit dieser aber jetzt schon ziemlich erfolgreich. Jassin bringt nach THE TSCHIK und vor dem Lumpenpack noch einmal ganz viel Gefühl und bewegende Ehrlichkeit auf die Bühne. Songs wie „Bitte sei vorsichtig“, „Wann trennt ihr euch“ oder „Arsenalplatz“ sind ehrlich und rau. In den beschriebenen Erfahrungen des Erwachsenwerdens, der Selbstzweifel und allem darüber hinaus können sich sicherlich viele aus dem Publikum wiederfinden.
Das Lumpenpack – Abschluss mit Abriss
Mit lautem Indie-Rock bis Pop-Punk schließt Das Lumpenpack an diesem Abend energetisch die Main Stage. In ihren Texten balancieren sie oft viel Ironie zwischen Optimismus und Gesellschaftskritik. Diese Mischung aus ausgelassener Stimmung, teils schnellen, energetischen Beats und politischer Message rundet den Abend ganz im Sinne des Pfingst Open Airs mit viel guter Laune und Gemeinschaft ab.
Über die Livemusik hinaus
Das Essensangebot und auch die Getränke sind im Gegensatz zum Festival zwar nicht umsonst, doch zumindest Trinkwasserspender stellen sicher, dass alle hydriert bleiben. In der Nähe der Mainstage kann außerdem an einigen Ständen gebummelt werden. Hier sind Merchandise, Schmuck und Sticker, aber auch Informationsstände, vor allem zu jugendrelevanten Themen, zu finden. Auch kreative Angebote wie Henna-Tattoos sorgen für eine entspannte Atmosphäre.
Am Ruhrufer und den vielen, wenn auch eher kleinen, freien Wiesenflächen sitzen die Besucher:innen entspannt in kleinen Gruppen. Sie lauschen der Musik aus einiger Entfernung, führen angeregte Gespräche, spielen Kartenspiele oder genießen die Sonne. Die Stimmung ist ausgelassen, entspannt und einladend, und genau das ist es, was das Pfingst Open Air und andere Umsonst-&-Draußen-Festivals ausmacht. Im Fokus stehen Gemeinschaft, Zugänglichkeit und eine gute Zeit, unabhängig von der finanziellen Lage. Musik kann ganz ohne vorherige Überlegungen genossen werden, alleine oder mit anderen. Diese Möglichkeit nahmen dieses Jahr in Essen über 10.000 Musikfans wahr. Eine von ihnen ist Saskia H. Sie ist bereits zum dritten Mal beim Pfingst Open Air und wünscht sich mehr solcher Veranstaltungen.
Mir gefällt es sehr sehr gut hier. Und für jeden ist hier auch etwas an Musik oder Geschmack dabei. […] Es kann jeder vorbeikommen, egal um welche Uhrzeit, egal ob Klein oder Groß […], alle können da sein und bleiben wie lange sie Lust haben. Deswegen finde ich, es sollte mehr solcher Open Airs wie in Essen Werden geben
Saskia, Besucherin des Pfingst Open Air

Die Anfänge der Umsonst & Draußen Festivalkultur
Seine Anfänge nahm die Umsonst & Draußen-Festivalkultur in den 70er-Jahren. Geprägt von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen standen Gleichheit, Gemeinschaft und eine Gegenbewegung zur zunehmenden Kommerzialisierung der (Rock-)Musik im Vordergrund. Eine der prägendsten gesellschaftlichen Entwicklungen war die 68er-Bewegung. Junge Menschen brachen hier als Teil verschiedener Jugend- und Gegenkulturen alte Rollenbilder und Gesellschaftsstrukturen auf. Ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen stand unweigerlich in Verbindung zu dem Wunsch, Neues zu schaffen – auch kulturell.
Angetrieben von dem Wunsch nach mehr Gemeinschaft und weniger Kommerz fand 1971 in Bünde ein Vorläufer der ersten offiziellen Umsonst & Draußen-Festivals statt. Hier waren viele bekannte Bands der Krautrock-Szene ansässig. Auch diese war eng mit der antiautoritären Bewegung verknüpft und antikapitalistisch geprägt, was erneut den Grundgedanken der Veranstaltung widerspiegelte. Eine der vertretenen Musikgruppen war die Kraut- und Jazzrock-Band Embryo, welche diese und ähnliche Veranstaltungen maßgeblich prägte. Mitveranstalter war Norbert Hähnel, welcher damals gemeinsam mit den Toten Hosen tourte. 1976 fand dann jenes Festival statt, welches nicht nur die Bezeichnung „Umsonst & Draußen“ für Nachahmer festigte, sondern auch die Idee selbst populärer werden ließ: das Umsonst & Draußen Vlotho.
Im Jahr zuvor hatte die ostwestfälische Band Hammerfest gemeinsam mit der Gruppe Embryo bereits mit 2000 Menschen in einem Steinbruch zwanglos gemeinschaftlich Musik gehört und gefeiert. Die Grundgedanken waren Musik und ein Fest für alle, ohne physische oder finanzielle Barrieren wie Absperrungen oder hohe Eintrittskosten. Die Stadt Vlotho stellte daraufhin, durch das aufkommende Interesse an der damals noch privat organisierten Veranstaltung, ein Jahr später ein größeres Veranstaltungsgelände zur Verfügung und ermöglichte so eine größere Wiederholung des Festivals. Eine Rolle spielte hierbei auch politische und kulturelle Bildung für Jugendliche. Durch Informationsstände, Workshops und nicht zuletzt auch durch die Musik selbst soll ein niedrigschwelliger Zugang zu Kultur und Politik ermöglicht werden. Mit der Zeit kamen immer mehr kostenlose Open-Air-Festivals in ganz Deutschland dazu und auch in NRW sind viele davon zu finden.
Darum werden Konzerte und Festivals teurer
Umsonst & Draußen Festivals sind aktuell, in Zeiten, in denen vor allem Konzerte und Festivals immer teurer werden, attraktiver und wichtiger denn je. Laut dem BDKV (Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft) sind die Preise für Konzertkarten in den letzten fünf Jahren um durchschnittlich 30 % angestiegen. Wer ein Festival oder Konzert besuchen möchte, muss daher oft tief in die Tasche greifen. Der Grund hierfür ist einerseits die Einnahmesituation von Künstler:innen, denn die Musik allein bringt in Zeiten des Musikstreamings nur noch selten wirkliche Einnahmen mit sich. Vor allem kleinere Musikschaffende verdienen schätzungsweise gerade einmal durchschnittlich 0,3 Cent pro Stream auf dem Branchenführer Spotify – teilweise sogar noch weniger. Konzerte hingegen würden inzwischen einen erheblichen Teil der Einnahmen ausmachen. Gleichzeitig steigen auch Produktions- und Personalkosten. Ein Faktor sind die hohen Energie- und Spritkosten. Die benötigte Technik für Licht, Sound und Bild braucht ebenso viel Strom, wie der Transport von Equipment und Crew Sprit benötigt. Nicht zuletzt sind auch kostenlose kulturelle Angebote, oft von Kommunen und Gemeinden mitfinanziert, immer häufiger von Kürzungen des Kulturetats betroffen. In NRW gab es für das Jahr 2026 zwar nach drei Jahren erstmals wieder eine Erhöhung, Kritiker:innen betonen aber, dass dies nicht ausreiche. Aktuelle zusätzliche Fördermittel könnten die aktuelle finanzielle Krise nicht ausgleichen. Vor der überraschenden Erhöhung des Kulturetats NRW für dieses Jahr waren Kürzungen geplant, welche unter anderem nur durch Proteste im Sommer und Herbst des letzten Jahres verhindert werden konnten. Geplant war nämlich zeitweilig eine Kürzung des Kulturetats von rund 8,5 Millionen Euro, wogegen unter anderem das Kulturbündnis NRW mit Kundgebungen vor dem Landtag erfolgreich protestiert hatte.
Dementsprechend schätzenswert sind Umsonst & Draußen-Festivals, welche zu einem kostenlosen Zugang zu Kultur beitragen und diese weiterhin für alle zugänglich machen.
Redigat: mf
Umsonst & Draußen Festivals 2026 in NRW
Umsonst & Draußen Festivals 2026 in NRW
| Bochum Total | Stemweder Open Air | Festivalkult | Rock gegen Rechts | ||
| Rock, Pop, Indie, HipHop | Rock, Alternative, Punk | Pop, Rock, Folk, Electro | Rock | ||
| 2.7. - 5.7.2026 | 14.8. - 15.8.2026 | 21.8. - 23.8.2026 | 22.8.2026 | ||
| Bochumer Innenstadt, DR.-Ruer-Platz, Bochum | Gut-Steinbrink-Straße, Stemwede-Ilwede | In d. Marsch, Porta-Westfalica | Ballonwiese Volksgarten, Düsseldorf |
