Kultur

Der vielleicht untypischste Weihnachtsfilm
Mitten an Heiligabend, inmitten glitzernder Weihnachtsdeko, gerät der New Yorker Cop John McClane im Nakatomi Plaza in einen tödlichen Kampf mit Terroristen. Er kämpft nicht nur um sein Überleben und das der Geiseln – darunter seine eigene Frau –, sondern auch für seine zerbrochene Familie und den tiefen Wunsch nach Versöhnung. Der Actionklassiker Stirb langsam (Original: Die Hard, 1988) zerrüttet die klassische Vorstellung vom besinnlichen Weihnachtsfilm und beweist: Weihnachten kann auch mit blutigen Heldenepen einhergehen.
Stirb langsam
Titel: Stirb langsam (Original. Die Hard)
Erscheinungsjahr: 1988
Laufzeit: 127 Minuten
Regie: John McTiernan
Hauptrollen: Bruce Willis (John McClane), Ala Rickman (Hans Gruber), Bonnie Bedelia (Holly)
FSK: Ab 16
Genre: Action/Triller
Streaminganbieter: Disney +
John McClane, ein New Yorker Cop, fliegt an Heiligabend von New York nach Los Angeles, um seine Familie über die Festtage wiederzusehen. Seine Ehe mit Holly ist zerbrochen, die Familie lebt getrennt. Trotzdem besucht er die glamouröse Weihnachtsfeier seiner Frau im Nakatomi Plaza. Unbemerkt übernehmen Terroristen unter der Führung des eloquenten Hans Gruber – meisterhaft gespielt von Alan Rickman (später bekannt als Severus Snape aus Harry Potter) – die Kontrolle über das Hochhaus. Die Terroristen nehmen alle Feiergäste als Geiseln und schneiden jegliche Kommunikation zur Außenwelt ab. McClane entgeht knapp der Gefangennahme und muss sich allein gegen die Terroristen wappnen. Es stellt sich schnell heraus: die Terroristen wollen gar keine politischen Forderungen stellen. Ihr Ziel ist der schwer gesicherte Tresor mit Wertpapieren im Wert von über 600 Millionen Dollar. Um die Geiseln zu retten – unter ihnen seine Frau Holly –, entwickelt sich McClane vom einsamen Einzelkämpfer zum improvisierenden Helden, der nach und nach immer mehr Terroristen besiegt. Als es ihm gelingt, die Polizei zu kontaktieren, erweist sie sich als keine Hilfe und misstraut dem Einzelkämpfer sogar. Er muss das Hochhaus ganz allein retten und kommuniziert dabei hauptsächlich per Walkie-Talkie mit Gruber und dem einzigen Polizisten, der ihm vertraut. Heiligabend wird zum Taktgeber eines epischen Kampfes um Leben und Liebe.
Warum Stirb langsam Weihnachten ist
Ausgerechnet Stirb langsam als Beispiel für einen Weihnachtsfilm zu erklären, mag makaber wirken – gerade bei einem Streifen, der sich offensichtlich nur an Erwachsene richtet und alles andere als familienfreundlich ist. Schließlich wird es durchaus blutig, und an Schimpfwörtern wird nicht gespart. Doch dass Stirb langsam als Weihnachtsfilm durchgeht, liegt am Zeitpunkt: Die gesamte Handlung spielt sich in einer einzigen Nacht ab – und diese Nacht ist Heiligabend. Ungewöhnlich für einen Weihnachtsfilm ist der Ort: die sonnige Autostadt Los Angeles, das komplette Gegenteil zum schneeweißen New Yorker Weihnachten, von wo unser Held gerade anreist. Zusammen mit dem Action-Genre schafft dieses Szenario einen gewaltigen Kontrast zu unserer romantisierten Vorstellung von Weihnachten. Doch starke Kontraste bilden keinen Widerspruch, sondern verdeutlichen, was wir wirklich sehen. Immer wieder wird betont, an welchem Tag John McClane sein Katz-und-Maus-Spiel mit den Terroristen treibt, etwa wenn McClane eine blutige Nachricht auf einer Leiche hinterlässt.
„Jetzt habe ich eine Maschinenpistole. Ho-ho-ho!“
(John McClanes zynische Nachricht an Hans Gruber)
Weihnachten spielt auch in den Beweggründen eine zentrale Rolle. Schließlich ist Action bedeutungslos, wenn der Held nicht für eine Person durch die Hölle geht, die ihm und den Zuschauer[MF1] :innen etwas bedeutet. Stirb langsam streut immer wieder das Motiv einer einst glücklichen Familie ein, die erst durch diese tragischen Ereignisse wieder zueinander findet. Die Versöhnung mit seiner Frau und Kindern sind das treibende Motiv des Helden – ein zutiefst weihnachtliches Ziel.


Verletzlichkeit macht den Helden
John McClane ist nur ein gewöhnlicher Cop von der Straße, der aus einer denkbar schlechten Situation mit den nötigen Mitteln das Beste herausholt. Er ist ein Typ, der sich selbst nicht leiden kann – immer wieder bereut er seine Handlungen und würde am liebsten ganz anders mit Holly umgehen. Doch diese hat mittlerweile eine erfolgreiche Karriere, wozu McClane sie leider nie unterstützt hatte. Es trifft ihn zutiefst, als er erfährt, dass Holly sogar seinen Nachnamen abgelegt hat. Dieser McClane ist die Antithese zu den anderen Antihelden der 80er. Schon in der ersten Szene lernen wir ihn mit seiner Flugangst kennen. Er ist jemand, der blutet, äußerlich wie innerlich verletzlich ist, jemand, der dem erstbesten Terroristen nicht absichtlich das Genick bricht – sondern es versehentlich tut. Er ist grundlegend anders als die anderen Actionikonen. Dieser Jemand sollte sogar von einem Comedian gespielt werden. Bruce Willis verkörpert den Helden und war damals ein Schauspieler, den man für ein Actionfest überhaupt nicht auf dem Zettel hatte. Heute ist es kaum vorstellbar, aber bis Stirb langsam war Willis ausschließlich für seine komödiantischen Rollen bekannt (damals aus der Serie Das Model und der Schnüffler). Das passt auch sehr gut zur Rolle, den der Held im Film hat immer wieder lustige Sprüche auf Lager.
„Yippee-ki-yay, Schweinebacke!“
(McClanes ikonische Antwort, als Gruber ihn als Cowboy beschimpft)
Die besten Schurken sind häufig das genaue Gegenteil des Helden. Hans Gruber ist der perfekte Stratege: Er hat seinen Plan für den Überfall und muss dafür nicht unbedingt morden – aber wenn jemand ihm in den Weg geht, zögert er nicht lange. John McClane hat gar keinen Plan, ist dafür aber ein Improvisationskünstler. Die beiden sehen sich sogar kaum – sie reden hauptsächlich über Walkie-Talkie. Das könnte langweilig klingen, funktioniert aber brillant und erzeugt eine spannende Dynamik. Beide Figuren, Protagonist und Antagonist, befinden sich in einem Duell auf Augenhöhe. Deswegen und entgegen den Actionfilm-Klischees – prügeln sie sich kein einziges Mal. Es ist ein intellektuelles Duell, in dem der eine den anderen ständig auszutricksen versucht.
Ode an die Freude im Kugelhagel
Besonders untypisch für einen Actionfilm ist die überschaubare Anzahl der Widersacher – gerade mal ein Dutzend Terroristen – und der Schauplatz ist auch radikal klein. Es ist ein einziges, abgeriegeltes Hochhaus, das zum klaustrophobischen Kriegsschauplatz wird. Mitten im Weihnachtsgeschehen verwandelt sich der glitzernde Nakatomi Plaza in eine tödliche Falle: Treppenhäuser werden zu Schießständen und ganze Etagen gehen in Explosionen auf. Bei den gewaltigen Sprengungen fragt man sich unwillkürlich, ob bald das gesamte Gebäude einstürzt. Die Enge im Hochhaus erzeugt eine Intimität, die Hollywood-Blockbuster selten bieten, und macht jedes Geschehen dramatisch. John McClane robbt sich durch enge Luftschächte, um sich unbemerkt im Hochhaus zu bewegen, und verlässt sich dabei in der Dunkelheit allein auf das Licht eines Feuerzeugs.
Die Widersprüche zwischen Action und Weihnachten ziehen sich durch den gesamten Film und das spitzt sich auch im Sounddesign zu: Wer hätte gedacht, dass Beethovens Neunte Sinfonie – mit Schillers „Freude, schöner Götterfunken“ – inmitten eines Blutbads erklingen kann? Regisseur John McTiernan machte die Hymne zur ständigen Begleitmusik der Terroristen. Die Musik bleibt im Ohr und macht Stirb langsam zur fesselnden Action-Ode. Immer wieder durchbrechen Weihnachtslieder den lauten Knall der Schüsse und sobald es für McClane bergauf geht, begleiten ihn festlich klingende Weihnachtsglocken.
Stirb langsam ist deswegen DER Weihnachtsfilm, weil die starken Kontraste – Action-Genre, LA-Setting – keinen Widerspruch bilden, sondern das Wesentliche betonen: Heimkehr, Versöhnung, Wunder. Wenn am Ende die Terroristen besiegt sind, die Familie wieder vereint, neue Freundschaften geschmiedet wurden und Wertpapiere wie Schnee vom Himmel regnen, ertönt „Let It Snow!“. Aus dem unwahrscheinlichsten Moment gelingt ein beschauliches Weihnachten. Deshalb gilt für viele: Weihnachten ist erst, wenn Hans Gruber vom Nakatomi Plaza fällt.
Redigat: mf
