Kreatives
Guter Flug!
„Guter Flug!“ ist eine fiktive Superhelden-Kurzgeschichte. Sie handelt von einer jungen Frau und ihrem teils amüsanten, aber auch gefährlichen Flug ins Ungewisse.
Julie spürte den Boden unter ihren Füßen vibrieren. Mit der Geschwindigkeit, mit der sie unterwegs war, hatte sie keine Möglichkeit auszuweichen, falls ein Hindernis auftauchte. Wachsam blickte sie durch das Frontfenster, wohl wissend, nichts ausrichten zu können, falls ein Baum oder Haus direkt in die Bahn des Flugshuttles geraten würde. Julie rutschte auf dem Sitz herum und versuchte, eine ansatzweise bequeme Position zu finden. So wenig Bewegungsfreiheit ihr der Anzug auch gestattete, es reichte gerade aus, um sich etwas zu drehen. Nicht mal eine halbe Stunde in der gleichen Haltung zu sitzen, hatte ausgereicht, damit ihre Glieder taub wurden. Das durfte nicht passieren, wenn sie es heil aus diesem Vehikel schaffen wollte. Hätte sie heute Morgen auf ihre Partner Angelina und Jayden gehört und wäre nicht allein auf die Mission gegangen, wäre sie vielleicht nicht in diese scheinbar ausweglose Situation geraten. Hätte sie sich heute nicht allein mit einer fünfköpfigen Verbrecherbande angelegt, hätte man sie eventuell nicht betäubt und anschließend in einen Zwangsanzug gesteckt und mit 300 km/h in einem Flugshuttle ins Ungewisse fliegen lassen. Als Teilzeitsuperheldin muss man immer mit Gefahren dieser Art rechnen. Nur hatte sie dieses Mal ihre eigenen Fähigkeiten überschätzt und auf eigene Faust gehandelt, was sich im Nachhinein als sehr dumm herausgestellt hatte. Fürs nächste Mal wusste sie wenigstens jetzt Bescheid. Falls es ein nächstes Mal geben würde. Oder falls sie das hier überhaupt überlebte. Lange Zeit, um sich über ihre Fehler zu ärgern, hatte Julie nicht, denn etwas tauchte in ihrem Sichtfeld auf, das ihre Aufmerksamkeit benötigte. Der Wolkenkratzer war noch schätzungsweise einen Kilometer von dem kleinen Shuttleflugzeug entfernt. Julie handelte direkt. Stück für Stück rutschte sie nach vorne, bis sie am Rand des Sitzes angekommen war. Mit einem Ruck warf sie ihren Körper nach vorne. Ohne eine Möglichkeit, ihren Kopf vor einem Aufprall zu schützen, fiel dieser geradewegs auf das Kontrollpult. Ein pochender Schmerz zog sich durch ihren Schädel, aber Julie hatte keine Zeit, um sich darum zu kümmern. Schnell hob sie ihren Kopf und ließ ihre Augen über das Kontrollboard wandern. Irgendwo musste sich ein Hebel befinden, mit dem sie umlenken konnte. Das Gebäude war jetzt noch einige hundert Meter entfernt. Hastig suchte sie weiter und nach einer Sekunde fand sie, was sie suchte. Julie stieß den Hebel mit ihrem Kopf an und drückte ihn nach links. Er ließ sich nur sehr schwerfällig bewegen. Sie besaß nicht genug Kraft mit ihrer Stirn. Ein paar Sekunden versuchte sie es, bevor sie aufgab. Noch einmal hob sie den Blick zum Wolkenkratzer. Die Distanz dürfte noch etwas weniger als zweihundert Meter betragen. Ohne zu zögern, stülpte Julie ihren Mund um die Spitze des Hebels und umklammerte ihn mit den Zähnen. Mit aller Kraft zog sie ihren Kiefer nach links. Es dauerte einige Sekunden, bis sie den Hebel vollständig umgerissen hatte. Julie löste ihren Mund wieder und blickte auf. Der Wolkenkratzer lag ein paar Meter entfernt vor ihr. Julie keuchte auf. Das würde sie nicht schaffen. Genau in dem Moment machte das Flugzeug einen Schlenker nach links und sie sah das Gebäude neben sich auftauchen. Doch es reichte nicht aus. Ein ohrenbetäubendes Knacken durchdrang die Luft. Einer der Flügel hatte das Hochhaus gestreift, Glassplitter stürzten auf das Shuttle hinab und bohrten sich in die Frontscheibe. Ein paar Steine hatten sich außerdem gelöst und schlugen an der Seite des Shuttles auf. Das Flugzeug geriet ins Schwanken und Julie stürzte. Bevor sie auf dem Boden aufkam, wurde sie von dem Polster der Sitze aufgefangen. Mit brummendem Schädel lag sie auf dem Sitz und blickte benommen herum. Sie erhob sich vorsichtig. Ihr Kopf schwirrte, aber sie besaß genug Konzentration, um die Kontrollen zu bedienen. Mit dem Mund zog sie wieder an ein paar Hebeln und das Vehikel schoss nach unten. Da sie keine Erfahrung im Fliegen eines Flugshuttles besaß, konnte sie nicht einschätzen, wie steil sie fliegen musste. Zugegebenermaßen war das hier eher ein Sturzflug als ein Sinkflug. Noch einmal musste sie ausweichen, als ein Baum vor der Frontscheibe auftauchte. Dahinter lag ein Park mit grünen Wiesen. Eventuell könnte es Julie gelingen, da zu landen. Sie flog immer tiefer und fand keine Möglichkeit, das Shuttle zu verlangsamen. Nur noch wenige Meter war der Boden entfernt, unter ihr war eine Wiese und etwas weiter ein Steinweg.
Wenige Sekunden später war der Boden direkt unter ihr. Sie fuhr über die gesamte Wiese, ohne eine Möglichkeit, das Vehikel anzuhalten. Ein dumpfer Aufschlag. Julie blieb das Herz für den Bruchteil einer Sekunde stehen. Anschließend kippte das Shuttle zur Seite und krachte auf seinen Flügel, welcher schon durch den Wolkenkratzer beschädigt war. Der Flügel zerbarst, während Julie sich verzweifelt am Sitz festkrallte. Eine Sekunde später war es auch schon vorbei. Julie atmete auf und erhob sich. Sogleich rutschte sie zur anderen Seite des kleinen Flugzeugs. Der Anzug machte es für sie unmöglich, sich weiter fortzubewegen. Jetzt konnte sie nur noch darauf warten, dass jemand im Park das Shuttle bemerkte und sich dazu bequemte, hereinzuschauen. Das Geräusch sollte einige Aufmerksamkeit erzeugt haben, also sollte es nicht zu lange dauern, und dennoch fürchtete sie, hier übernachten zu müssen. Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Natürlich gelang es ihr nicht, nach allem, was sie heute erlebt hatte. Glücklicherweise musste sie das aber auch nicht, denn in dem Moment öffnete sich die Luke und jemand kletterte herein. Hinter ihr folgte eine weitere Person. Julie blickte auf. Ihre Freundin blickte sie mit einer Mischung aus Erleichterung und Genervtheit an. „Ich würde jetzt sagen: Ich hab’s dir ja gesagt, aber das weißt du natürlich selbst.“ Die Überraschung, Angelina zu sehen, überkam Julie so plötzlich, dass sie vergaß zu sprechen. „Wie habt ihr mich gefunden?“, fragte sie nach einer ganzen Minute. Die Frage war auch an Jayden gerichtet, der hinter ihr auftauchte. „Wir hätten dich nie allein gehen lassen. Darum sind wir dir gefolgt, kurz nachdem du die Zentrale verlassen hattest. Als wir gesehen haben, was mit dir passiert ist, waren wir schon zu spät. Aber zum Glück konnten wir sehen, wo du hingesteuert bist, und haben dich verfolgt“, erklärte Angeline in aller Ruhe, während Julie noch immer an der Wand lag. „Ich weiß nicht, womit ich euch verdient habe“, meinte Julie. „Ihr seid die besten Freunde, die man sich wünschen kann. Wie auch immer, könntet ihr mich bitte endlich aus diesem Anzug befreien?“
Redigat: mf
