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Campus

Redaktion:
Auf dem Foto sieht man die Kundgebung des SDS auf dem Campus der HHU
Kundgebung vom SDS auf dem Campus (Foto: Elena Thomas)

Zwischen Protest und Dialog: Streit um akademische Boykotte

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Im Studierendenparlament der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat ein Beschluss für Diskussionen gesorgt. Mit einer Mehrheit von 11 von 17 Stimmen sprach sich das Gremium im Rahmen einer Sitzung am 13. April dafür aus, Kooperationen mit israelischen Universitäten zu prüfen und perspektivisch zu beenden. Der Antrag, gestellt von BDS-HHU (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen), begründet dies unter anderem mit einer angeblichen Verstrickung israelischer Universitäten in militärische Strukturen.

Der Beschluss hat auf dem Campus unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Während Befürworter:innen darin ein politisches Signal sehen, warnen Kritiker:innen vor den Folgen für den wissenschaftlichen Austausch und das universitäre Miteinander.

Austausch statt Boykott

Scharfe Kritik kommt unter anderem von der Jüdischen Hochschulgruppe Düsseldorf (JHG). Deren Vorsitzender Michael Ilyaev hält den Boykottbeschluss für ein falsches Signal. Universitäten könnten aus Deutschland heraus nur begrenzt Einfluss auf geopolitische Konflikte nehmen.

„Wir können aus Deutschland heraus nicht viel bewirken“, sagt er. „Aber wenn, dann können wir diesen Austausch bewirken.“ Gerade dieser Austausch sei der zentrale Wert universitärer Zusammenarbeit. Ein Boykott verhindere genau das und sei eher Ausdruck von politischem Aktionismus als von wirksamer Veränderung. 

Nach Einschätzung der JHG gehen die möglichen Folgen eines Boykotts über symbolische Politik hinaus. Im Extremfall könnten institutionelle Kooperationen vollständig eingestellt werden, was den wissenschaftlichen Austausch erheblich einschränken würde. Noch unmittelbarer wären die Folgen für Studierende: Zahlreiche Austauschprogramme könnten wegfallen. „Israelische Studenten, die jetzt hier sind, wären nicht mehr da“, so Ilyaev. Damit entfiele auch die Möglichkeit, Perspektiven aus der Region im direkten Austausch kennenzulernen.

Der Beschluss habe auch eine starke symbolische Wirkung. „Die Aussage ist: Ein Teil der Studentenschaft ist nicht willkommen bei uns.“ Das habe in entsprechenden Kreisen für große Enttäuschung gesorgt.

Befürworter sehen politisches Signal

Unterstützer:innen des Beschlusses, darunter der Sozialistisch-Demokratische Studierendenverband (SDS), sehen im akademischen Boykott hingegen ein notwendiges politisches Signal. Im Antrag wird auf eine enge Verbindung israelischer Universitäten zu staatlichen und militärischen Strukturen verwiesen. Vertreter:innen des SDS argumentieren, dass sich diese Verflechtung aus ihrer Sicht nicht klar trennen ließe.

Auch ein von einer studentischen Initiative, der BDS-Bewegung, vorgelegter Bericht kommt zu dem Schluss, dass israelische Universitäten das israelische Militär finanziell, materiell und ideell unterstützen. Wissenschaftlicher Austausch trage unter diesen Bedingungen zur Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse bei. Ein Boykott solle daher politischen Druck aufbauen und auf Veränderungen hinwirken.

Kritik an Wirkung und Einseitigkeit

Kritiker:innen wie die JHG und der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) bezweifeln diese Wirkung. Ein akademischer Boykott treffe vor allem Wissenschaftler:innen und Studierende, nicht politische Entscheidungsträger:innen. Zudem verweisen sie auf die Vielfalt innerhalb israelischer Hochschulen. Dort gebe es – wie an anderen Universitäten auch – studentische Gruppen, die sich gegen die Regierung stellen. Auch diese zu boykottieren, halten sie für widersprüchlich.

Der Antisemitismusbeauftragte der HHU, Heiko Beyer, betont in diesem Zusammenhang die politische und gesellschaftliche Komplexität des Landes. Er nimmt in den zurückliegenden Debatten eine zunehmende Radikalisierung in Teilen der Studierendenschaft wahr, etwa wenn das Existenzrecht des Staates Israel offen infrage gestellt werde.

Hochschulleitung lehnt Boykott ab

Auch die Hochschulleitung spricht sich gegen den Beschluss aus. „Die Abschottung der einen Demokratie gegen die andere ist keine vernünftige Antwort auf politische Konflikte“, so HHU-Rektorin Prof. Dr. Anja Steinbeck in einem offiziellen Statement. Ein pauschaler Boykott wissenschaftlicher Einrichtungen widerspreche dem Grundprinzip von Forschung, das auf Austausch und Kooperation beruhe. Gerade in politisch angespannten Zeiten seien internationale Netzwerke wichtig, um Dialog zu ermöglichen, heißt es von der Universität.

Unterstützung erhält diese Position auch aus Teilen der Wissenschaft. Ein offener Brief von Lehrenden der Universität wurde inzwischen von knapp 400 Personen unterzeichnet.

Spürbare Auswirkungen auf dem Campus

Die Debatte hat längst konkrete Auswirkungen auf den Campusalltag. Seit dem 7. Oktober 2023 prägen Proteste, Demonstrationen und politische Aktionen das Bild an vielen Hochschulen. Auch in Düsseldorf berichten jüdische und israelische Studierende von zunehmender Verunsicherung. In einzelnen Fällen kam es zu antisemitischen Vorfällen, etwa zu Schmierereien in Universitätsgebäuden nach Veranstaltungen.

Solche Entwicklungen haben dazu geführt, dass sich einige Studierende aus dem universitären Leben zurückziehen. „Einige haben keine Lust mehr, in die Uni zu gehen, weil sie wissen, was für ein Klima sie dort erwartet“, so Ilyaev. Gleichzeitig betont er, dass Gespräche im persönlichen Austausch weiterhin möglich seien – unabhängig von politischen Positionen. Die Fronten seien damit nicht völlig verhärtet.

Die Rolle der Universitäten

Der Streit um den Boykott wirft schließlich auch eine grundsätzliche Frage auf: Welche Rolle sollen Universitäten in politischen Konflikten einnehmen?

Während Befürworter:innen eine stärkere politische Positionierung fordern, sehen Kritiker:innen die Aufgabe der Hochschule vor allem im Ermöglichen von Dialog und wissenschaftlichem Austausch. Eine schnelle Lösung ist nicht absehbar. Der Beschluss des Studierendenparlaments wird jedenfalls zunächst keine konkreten Auswirkungen haben. Dennoch zeigt der Konflikt, wie stark globale politische Auseinandersetzungen inzwischen den Hochschulalltag prägen. Im Kern geht es dabei nicht nur um Kooperationen mit einzelnen Universitäten, sondern um die Frage, ob Hochschulen Orte des Dialogs bleiben oder selbst Teil eines politischen Konflikts werden sollten.

Redigat: mf