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Wenn aus Insekten Riesen werden
Ein leises Rascheln im Gebüsch, dazwischen das Zirpen von Insekten, und mittendrin ragt ein riesiges Insekt aus dem Grün hervor. Daneben sitzt ein weiteres Exemplar, so groß wie ein kleines Tier, und doch vollkommen reglos. Im Hintergrund mischen sich die Geräusche eines tropischen Regenwaldes in die Szenerie. Erst beim genaueren Hinsehen wird klar: Die ungewöhnlichen Bewohner sind nicht lebendig, sondern vergrößerte Skulpturen.

„Wesen aus einer anderen Welt – Riesen aus dem Mikrokosmos“
Die Orangerie des Botanischen Gartens der Heinrich-Heine-Universität wurde zum Schauplatz kleiner Riesen. Dort konnten erste Skulpturen der Ausstellung „Wesen aus einer anderen Welt – Riesen aus dem Mikrokosmos“ betrachtet werden. Initiator und künstlerischer Leiter der Ausstellung ist der Künstler Felix Focke. Gemeinsam mit einem internationalen Team verwandelt er echte Insekten in riesige, naturgetreue Skulpturen. Die Tiere werden auf das Zehnfache ihrer ursprünglichen Größe vergrößert. So wird aus einem kleinen Insekt ein beeindruckender Riese, der plötzlich ganz genau betrachtet werden kann.
Die Idee hinter der Ausstellung
Die Idee für die Ausstellung kam Focke unter anderem aufgrund der Begeisterung seines Sohnes für Gespenstschrecken, die er bei einer Nachtwanderung im Botanischen Garten geschenkt bekam. Außerdem beschäftigt sich Focke schon seit 20 Jahren mit dem 3D-Druck. Das Interesse seines Sohnes für die kleinen Tiere und seine eigene technische Erfahrung brachten schließlich zwei Welten zusammen, wodurch die Idee für eine Ausstellung entstand. Doch hinter den riesigen Insekten steckt mehr als die bloße Publikmachung seiner Kunst. Focke möchte den Blick auf eine Tierwelt lenken, die im Alltag häufig übersehen wird.
Wir wollen darüber hinaus aber auch auf die Insektenvielfalt aufmerksam machen. Und auch das Unsichtbare von Insekten, weil sie aufgrund ihrer Größe und aufgrund des Ortes, wo sie leben, gar nicht so sehr bei den Leuten auf dem Schirm sind.
Felix Focke


Wenn das Unsichtbare sichtbar wird
Durch die zehnfache Vergrößerung verändert sich der Blick auf die Insekten grundlegend. Plötzlich werden Strukturen sichtbar, die sonst kaum wahrgenommen werden können: Facettenaugen, Greifwerkzeuge, Drüsen, Farbmuster, Gelenkstrukturen und vieles mehr. „Also im Prinzip die gesamte Anatomie und die Faszination des Aufbaus dieser kleinen Tierchen“, so Focke.
Wer vor einer der Skulpturen steht, blickt deshalb nicht mehr einfach auf ein winziges, kaum erkennbares Lebewesen. Stattdessen eröffnet sich eine völlig neue Welt. Feinste Gelenke und Körperteile werden zu auffälligen Details.
Ein dreidimensionaler Schnappschuss
Doch Größe allein reicht nicht aus. Laut Focke sollen die Skulpturen nicht wie starre Modelle aussehen. Sie sollen möglichst lebendig wirken, als wären die Tiere gerade in Bewegung und für einen kurzen Moment eingefroren. Dafür spielt die richtige Haltung eine entscheidende Rolle. Die Insekten werden in möglichst natürlichen Posen dargestellt. Das Team stellt sich Fragen wie: Wie steht das Tier? Wie hält es seine Beine? Welche Körperhaltung nimmt es während einer Bewegung ein? Wie sieht es aus, wenn es einen Baum hochklettert?
Um solche Momente möglichst realistisch einzufangen, werden unter anderem stundenlang Aufnahmen von lebenden Insekten angesehen. Das Ziel sei ein „dreidimensionaler Schnappschuss“, betont Focke. Die Skulptur steht zwar vollkommen still, soll aber trotzdem den Eindruck vermitteln, jeden Moment weiterkrabbeln zu können. Und nicht nur das. Es geht auch darum, wie die Skulpturen in Büschen, Bäumen und der Umgebung positioniert werden, um sie so realistisch wie möglich darstellen zu lassen.


Vom echten Insekt zum digitalen 3D-Modell
Bis ein solcher Riese schließlich vor einem Publikum steht, ist es ein langer und technisch aufwendiger Weg: „Das Ganze fängt damit an, dass man sich erst mal für eine Spezies entscheidet, die relevant ist und auch aussagekräftig“, erzählt Felix Focke. Ist diese erste Entscheidung getroffen, muss ein echtes, präpariertes Insekt gefunden werden. Laut Focke stellte unter anderem das Aquazoo Löbbecke Museum Düsseldorf solche präparierten Exemplare zur Verfügung. Dabei handelt es sich um verstorbene Tiere, die ausgenommen und getrocknet wurden.
Anschließend wird es mit einem hochpräzisen Makroscanner erfasst. Dafür ist Fockes Kooperationspartner Dr. Fabian Plum vom Forschungszentrum Jülich zuständig. Dieser Scan kann mehrere Stunden dauern. Dabei entstehen enorme Datenmengen von mehreren hundert Gigabyte. Aus diesen Daten wird dann am Computer ein digitales 3D-Modell des Tieres erstellt.
Doch mit dem Scan allein ist die Arbeit noch lange nicht abgeschlossen. Das digitale 3D-Modell wird anschließend detailliert überarbeitet. Scanfehler werden entfernt, Strukturen optimiert und Details angepasst. Gemeinsam mit 3D-Designer:innen aus unter anderem Italien und Japan arbeitet Focke daran, das Modell möglichst realistisch und naturgetreu abzubilden.

Ein Riese aus vielen Einzelteilen
Ist das digitale 3D-Modell fertig, wird es für den 3D-Druck vorbereitet. Dafür wird die riesige Vorlage in zahlreiche Einzelteile zerlegt. Mehrere 3D-Drucker drucken daraufhin gleichzeitig die einzelnen Komponenten. Stück für Stück entsteht so das überdimensionierte Insekt. Anschließend beginnt die Handarbeit. Die gedruckten Teile werden zusammengesetzt und die Oberflächen werden geglättet. Focke erzählt, dass am Ende nichts mehr daran erinnern soll, dass die Skulptur aus vielen einzelnen Druckteilen entstanden ist.

Der letzte Pinselstrich
Zum Schluss kommt Farbe ins Spiel. Mit Pinsel oder Airbrush werden die Skulpturen naturgetreu und fotorealistisch bemalt. Einen Teil der Arbeit übernimmt Felix Focke dabei selbst, unterstützt wird er aber auch von kollaborierenden Künstler:innen. Schicht für Schicht entstehen dabei die charakteristischen Farben und Muster des jeweiligen Insekts. Feine Unterschiede auf der Oberfläche werden herausgearbeitet, bis das gedruckte Modell seinem realen Vorbild verblüffend ähnlich sieht.
Erst durch diese letzte Bearbeitung bekommen die Skulpturen ihren endgültigen Charakter. Aus einem technischen Druckmodell wird somit ein täuschend echtes Insekt.


Wo ist die Ausstellung zu sehen?
Wo ist die Ausstellung zu sehen?
Die Ausstellung kann bei der Nacht der Wissenschaft am 11. September im Haus der Universität besucht werden. An Stand Nummer 34 verwandelt sich das Eingangsfoyer des Hauses von 17 bis 24 Uhr in einen immersiven Regenwald. Rund 10 bis 15 der riesigen Insektenskulpturen werden dort ausgestellt. Dazu kommen naturgetreue Geräusche, die die Atmosphäre verstärken sollen. Gleichzeitig können Interessierte einen Blick hinter die Kulissen werfen und mehr über die technische Entstehung der Skulpturen erfahren.
Fun Fact: Für das Sounddesign bei der Nacht der Wissenschaft ist der Düsseldorfer Lars Leonhard verantwortlich, der unter anderem auch für die US-Weltraumbehörde NASA Sounds komponiert.
Redigat: ms
