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Und dann auf einmal Stille
Ein Gastbeitrag von Lovis Barysch
Endlich geschafft! Im Januar absolvierten der Unichor gemeinsam mit dem Uniorchester der HHU ihre beiden Konzerte in der Tonhalle und im Anneliese Brost Musikforum. Rund 250 Musiker:innen führten dort unter der Leitung von Silke Löhr die „Auferstehungssinfonie“ getaufte 2. Sinfonie von Gustav Mahler auf. Aber wie fühlt es sich an, nach einem ganzen Semester Proben endlich auf der Bühne zu stehen? Von der ersten Probe bis hin zum großen Finale.
Aller Anfang ist einschüchternd
Alleine vor Profis singen – das ist etwas, vor dem selbst die hartgesottensten Chormitglieder zuerst Angst hatten. „Ich muss schon sagen: Ich war sehr nervös“, lacht auch Nastasja, die seit diesem Semester im Unichor mitsingt. „Ich habe mir schon sehr viele Gedanken gemacht.“ Beim Vorsingen habe aber dann eine sehr warme Atmosphäre vorgeherrscht. Sie habe sich beim Chor-Vorstand sehr wohlgefühlt und den Eindruck gehabt, dass ihre Stimme und ihre Fähigkeiten auch gut zum Vorschein gebracht wurden. Auch wenn natürlich nicht alles perfekt lief: „Es ist nichts, wovor man Angst haben müsste.“ Anfänger:innen rät sie, sich einfach zu trauen und hinzugehen, selbst wenn man sich noch nicht ganz sicher über sein Können ist.
Am Anfang jeder Probe beginnt der Unichor mit einem gemeinsamen Einsingen, um den Körper aufzulockern und die Stimme vorzubereiten. Dabei entsteht außerdem immer eine unbeschwerte Atmosphäre, weil viele der Übungen auch lustig sind und etwas Körpereinsatz fordern. Dann fallen Begriffe wie „die Hundert-Kilo-Hantel“ oder „Lasst eure Schultern in eure Hosentaschen fallen!“
Nastasja erzählt von ihrer allerersten Probe: „Als ich reingekommen bin, war ich komplett überwältigt von der Größe des Chors, weil ich das gar nicht gewohnt war“. Auch das immerhin 132 Jahre alte Stück fand sie anfangs einschüchternd. „Aber als wir dann angefangen haben zu singen, war ich richtig erschlagen vom Klang.“ Vor allem die Männerstimmen hatten sie beeindruckt, denn dieses Semester waren etwa die Hälfte des Chores Tenöre und Bässe.
„Es ist wie eine große Familie“
Auch die Menschen im Unichor haben es Nastasja angetan. Alle seien nett und zuvorkommend. „Man kann wirklich mit jedem reden!“ Ihr gefällt auch, dass Leute aus jedem Lebensabschnitt vertreten sind, von denen viele auch schon langjährig dabei sind. Gerade weil der Chor im Wintersemester ganze 121 Sänger:innen umfasste, bei denen natürlich trotz Einzel- und Kleingruppentraining nicht jede:r intensiv gecoacht werden konnte, war diese Gemeinschaft ein großer Pluspunkt. „Man fühlt sich auch als Anfänger gut aufgehoben, weil man immer seine Sitznachbarn um Hilfe fragen kann, wenn man etwas nicht versteht.“
Außerdem bekommt man Singtipps oder auch mal eine Notenmappe geliehen. So entsteht ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Und wenn man Bedenken vor schwierigen Stellen hat, fühle man sich am Ende trotzdem vorbereitet, weil man von Silke Löhr und dem Team viele gute Tipps bekomme, wie man damit umgeht.
Zusätzlich zum normalen Chorprogramm finden auch freiwillige Events statt, wie die Weihnachtsfeier, bei der über selbstgebackenen Keksen zusammen Weihnachtslieder gesungen werden oder die Helfer:innen-Aktionen, bei denen man gemeinsam Plakate für die Konzerte aufhängt. So finden sich schnell neue Freundschaften, auf die man sich jede Woche erneut freut.

Chor trotz stressigem Uni-Alltag?
Neben den wöchentlichen Proben am Mittwochabend fährt der Unichor auch gemeinsam zum Proben-Wochenende, was für viele neben den Konzerten das große Highlight jedes Semesters ist. Dazu kommen größere Generalproben kurz vor den Konzerten und natürlich die Auftritte selbst. Das alles nimmt auch Zeit in Anspruch. Nastasja aber meint, das habe ihr weniger Probleme bereitet, da die Termine schon so weit vorher bekannt waren und man sie deswegen gut einplanen konnte.
Der Chor ist ihr wichtig, weil er ein schöner Teil ihrer Routine ist. Sich am Ende des Tages einfach mal entspannen zu können und den ganzen Unistress über lustigen Gesprächen und gemeinsamem Singen zu vergessen, sei ein Ausgleich, auf den sie nicht mehr verzichten will. Auch das Proben-Wochenende sei essenziell, weil man sich tiefer mit dem Stück auseinandersetzt und sehr intensiv auch in kleineren Stimmgruppen daran feilt. Am Abend vor der Rückfahrt feiert der Chor dann als krönender Abschluss zusammen bis tief in die Nacht, wobei auch Neulinge direkt mitgerissen werden.
Magische Momente, die bleiben
Der Höhepunkt eines jeden Semesters sind natürlich aber die Konzerte. Beim Vorbereiten auf den Auftritt hing backstage ein unbeschreibliches Gemeinschaftsgefühl in der Luft. Endlich konnten alle zeigen, worauf sie so lange hingearbeitet hatten. „Das erste Mal, das ich in der Tonhalle war, war vor einem Jahr. Und beim zweiten Mal bin ich direkt selbst aufgetreten“, bemerkt Nastasja. Beim Konzert dann fühle sich alles nochmal ganz anders an als während der Proben. Alle waren hoch konzentriert und die Orchester-Mitglieder „spielten um ihr Leben“, beschreibt sie es lachend. Der schönste Moment sei aber der allerletzte Schluss gewesen: „Alles kommt zusammen in diesem großen Finale, alles harmoniert – und dann auf einmal Stille.“

Diesen magischen Moment, nachdem die letzten Töne verklungen sind, haben auch viele andere Chormitglieder fest in Erinnerung. Bestimmt zwanzig Sekunden Stille sind es noch, in denen es scheint, als halten alle auf der Bühne sowie im Publikum die Luft an. Dann senkt die Dirigentin ihren Stab und großer Applaus bricht aus. In den Chorreihen bekommen viele wackelige Knie, bei dem Gefühl, diesen großen Moment erlebt zu haben.
„Und dann ist es plötzlich vorbei. Man saugt diese ganze Atmosphäre ein und realisiert dann erst, was gerade eigentlich passiert ist“, erinnert sich Nastasja. „Das ist nicht der Verdienst eines Einzelnen, sondern ein ganzes Gesamtwerk. Das Gefühl habe ich auch von der Bühne mit hinausgetragen.“
Diesen besonderen Moment tragen alle noch den Rest der Nacht weiter mit sich und lassen den Abend beim gemeinsamen Essen ausklingen. Schon bald danach ist die Rede von der Stückauswahl für das nächste Semester. Keiner scheint so wirklich genug bekommen zu haben.
Wie geht es weiter?
Die nächste Chor-Saison beginnt im Sommersemester. Was gesungen wird, ist noch nicht festgelegt, aber unter Silke Löhr, die den Chor und das Orchester seit Bestehen „kompetent und herzlich“ leitet, können sich die Mitwirkenden wie auch Zuhörenden stets über ein breites Repertoire an geistlichen und weltlichen Stücken freuen. Wer mitmachen möchte, kann einfach zur ersten Probe am 15.04. vorbeischauen, sich durch die Website klicken oder eine E-Mail schreiben. Ein Vorsingen muss jede:r absolvieren, für das kann man sich aber sein eigenes Stück oder Lied aussuchen. Und das muss nun noch kein Mahler, sondern kann auch einfach ein Weihnachtslied sein.