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Campus

Redaktion:
Auf dem Bild sieht man Faust und Mephisto zusammen an einem Tisch sitzen
Margarete Faust (Annika Probst) und Mephisto (Arthur Haltrich) im Büro der Professorin (Foto: Daniela Link)

Theater an der HHU: „Doktormutter Faust“ fordert heraus

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Das Stück beginnt mit dem Dilemma, wie man mit Goethes Faust heute umgehen sollte und auch, wie man ihn machtkritisch und feministisch in die Gegenwart übersetzt. „Dein Ernst, ja? Faust?“, fragt die Theaterdirektorin des Stücks skeptisch. „Du wolltest einen Klassiker. Da hast du ihn.“, entgegnet die Dichterin. Während die Theaterdirektorin die traditionelle Rezeption des Dramas scharf kritisiert: „Seit 200 Jahren strömen die Deutschen ins Theater, um sich daran aufzugeilen, wie das arme Flittchen zugrunde geht“, sieht die Dichterin die Lösung darin, das im klassischen Faust dargestellte Gretchen, jenes „Fantasieprodukt eines privilegierten Cis-Mannes aus dem 18. Jahrhundert“, abzuschaffen.

Schon in den ersten Minuten wird deutlich, dass das Publikum keinen klassischen Faust erwarten kann. Am Sonntag, den 19. Juli, führte das Theaterprojekt der HHU, „Heinrichs Dorftheater“, Fatma Aydemirs Theaterstück „Doktormutter Faust“ auf dem Gelände des Universitätsklinikums auf. Aydemir übersetzt Faust in die Gegenwart und greift aktuelle Themen wie Abtreibung, Geschlechterrollen und Rechtspopulismus auf. Das Hauptthema ist Machtmissbrauch und der schmale Grat zwischen Nähe und Distanz. „Hier sehr überspitzt“, sagt Regisseurin Daniela Link dazu. „Aber ich denke, das ist ein Problem, was viele Studierende, aber auch Dozierende erleben: Wie weit Nähe und Distanz sein müssen oder können.“

Fatma Aydemir

Fatma Aydemir (geb. 1986) ist eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin. Bekannt wurde sie mit ihrem Roman „Dschinns“ (2022). In ihren literarischen und journalistischen Arbeiten beschäftigt sie sich häufig mit Migration, Identität, Rassismus, Feminismus und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. 2023 schrieb sie mit „Doktormutter Faust“ ihr erstes Theaterstück.

Goethes Faust trifft auf Gender Studies

Anders als beim klassischen Faust steht Margarete Faust im Mittelpunkt der Handlung. Als hochangesehene, ältere Professorin der Gender Studies widmet sie ihr Leben der Wissenschaft. Doch als öffentlich wird, dass sie einer Studentin im Ausland zur Abtreibung verholfen hat, bricht ein Shitstorm über sie herein und sie gerät in das Visier der rechten Regierung. Ihre Karriere wird beendet. Diesen Moment nutzt Mephisto für einen Pakt. Um Faust wieder an die Sinnlichkeit des Lebens zu erinnern, führt er sie zum angehenden Doktoranden Karim. Karim ist homosexuell, braucht einen Aufenthaltsstatus und ist dazu noch auf Faust als Doktormutter angewiesen. Faust, erotisch von Karim angezogen, nimmt ihn trotz ihres Wissens um ihre eigene Kündigung auf. Zwischen den beiden beginnt eine Verbindung aus Verführung, Abhängigkeit und Grenzüberschreitung.

Vom Hörsaal auf die Bühne

Das interdisziplinäre Theaterprojekt Heinrichs Dorftheater entstand 2021 aus einer Lehrveranstaltung des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin sowie der Health Humanities. Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen entwickeln hier im Rahmen eines Seminars gemeinsam jedes Jahr eine neue Produktion. Letztes Jahr führten sie „die Verzauberung“ auf.

Zwischen Kerker und Club

Ein einzelner Tisch verwandelt die Bühne im Laufe des Abends vom Professorinnenbüro über die Hexenküche bis hin zum Kerker. Gleichzeitig nutzt das Ensemble den gesamten Hörsaal als Spielfläche. Unterstützt wird dies durch ein stimmiges Lichtkonzept. Rotes Licht begleitet die Szene, als Faust zum ersten Mal auftritt. Es wechselt in ein kaltes Blau, wenn die Stimmung abkühlt. Ebenfalls verstärkt die Musik die Atmosphäre. Im Club erklingt der Bass, während in den Eingangszenen ruhigere Musik im Hintergrund eingesetzt wird. Auch die Kostüme unterstreichen die Handlung: Mephistos und Fausts Anzüge werden im Laufe des Stücks legerer, während die Charaktere der Hexen durch auffälliges Make-up, weiße Kontaktlinsen und ihre Netzkleidung herausstechen.

Eine einprägsame Szene des Abends findet in Auerbachs Keller statt. Dieser wird als Club inszeniert. Zwei Männer versuchen, Frauen anzusprechen. Momente aus dem Alltag, aber überspitzt. Denn Paul (Felix Raatz) rät seinem Freund Johannes (Alkan Sak), das Eis mit einem Gespräch über seinen krebskranken Hund zu brechen. Das Problem: Johannes hat gar keinen Hund. Spätestens hier muss das Publikum lachen. Neben der Ernsthaftigkeit in Szenen, die die Grenzüberschreitung thematisieren, schafft das Ensemble es, auch die satirischen Passagen des Stückes umzusetzen und so für Schmunzeln zu sorgen. Dazu überzeugt die schauspielerische Leistung. Während die Hexen (Helene Baaden, Annika Herwig und Tamino Hildemann) eine rauschhafte Atmosphäre erzeugen, bewegt sich Mephisto (Arthur Haltrich) zwischen zynischem Kommentator, Verführer und Partygast. Die Darstellerin der Margarete Faust (Annika Probst) verkörpert die Professorin mit Präsenz, Autorität, aber auch Verletzlichkeit. Gerade für die Darstellerin, die Faust gespielt hat, war es herausfordernd, den Charakter zu ergründen. Sie hat sich ausgiebig mit der Vielfalt ihrer Rolle im Zusammenspiel mit Karim (David Stöckmann) und ihrer Studentin Valeria (Maria Schuh) auseinandergesetzt.

Das Stück möchte die Grenzen zwischen Täter und Opfer bewusst verschwimmen lassen. Gerade aufgrund des deutlichen Machtgefälles zwischen der Professorin und ihrem Doktoranden erscheint aber Fausts Verantwortung stärker als die des von ihr abhängigen Karim. Kann ein von Anfang an derart ungleiches Machtverhältnis als moralische Grauzone erzählt werden?

Hinter die Kulissen

„Die Theaterdirektorin spricht am Anfang mit der Dichterin über Grauzonen und ich denke, das Stück behandelt genau diese Grauzonen sehr, sehr gut“, sagt David Stöckmann. Die klassischen, gegenteiligen Rollen Gretchen und Faust gibt es hier nicht. „Irgendwann werden Karim und Faust beide irgendwo zu Tätern und Opfern“, fügt er hinzu. Er wünscht sich, dass das Publikum mitnimmt: „dass das Leben nicht schwarz und weiß ist.“ Die Herausforderungen sind dabei für die Studierenden auf der Bühne die Darstellung von psychischer Gewalt und impliziter Nacktheit. Regisseur Heiner Fangerau sagt, das zeige aber auch die Stärke des Stücks, „dass man beim Üben an dem Stück Situationen spielt, die auf der Bühne und im echten Leben unangenehm sind.“ Welches ebenfalls dafür sorgt, gerade auch im Unikontext, über das richtige Maß an Nähe und Distanz nachzudenken.

Ursprünglich war für die diesjährige Spielzeit sogar ein anderes Stück geplant. Erst im April fiel die Entscheidung für Fatma Aydemirs moderne Faust-Adaption. „Eine Leseprobe und wir waren alle gebannt und überzeugt von dem Text“, erinnert sich Regisseurin Daniela Link. „Die meisten kennen Faust aus der Schule, auch deswegen ist dieses neue Stück spannend, wo auch Mephisto sagt, dass starr geltende Strukturen gar nicht so sein müssen, dass man viel lebendiger durchs Leben gehen kann“, sagt Annika Herwig. Gerade deshalb interessiert es die Studierenden, das Stück in die Gegenwart zu versetzen. Arthur Haltrich bringt es auf den Punkt: „Faust ist eine der ikonischsten Geschichten der Literaturgeschichte, insbesondere der deutschen Literaturgeschichte.“ Bei allen überwiegt die Begeisterung für das Projekt. Zwar kollidiert die Endprobenphase regelmäßig mit der Klausurenzeit, dennoch berichten die Mitwirkenden von einer tollen Erfahrung.

Ein Theaterabend, der zum Nachdenken anregt

Doktormutter Faust ist ein mutiger, kraftvoller Theaterabend. Besonders die schauspielerische Leistung des Ensembles, das Lichtdesign und der gelungene Wechsel zwischen satirischen und ernsten Momenten überzeugen. Heinrichs Dorftheater bringt Fatma Aydemirs anspruchsvollen Text dabei mit großer Spielfreude und Ernsthaftigkeit auf die Bühne. Wer eine klassische Faust-Adaption erwartet, wird überrascht. Wer sich jedoch auf die moderne Interpretation einlässt, nimmt einiges mit.

Redigat: mf