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Campus

Redaktion:
Die Teilnehmer:innen der Diskussion sitzen in einer Reihe und reden miteinander.
V.l.n.r. Schauspielerin Mareile Blendl, Tristan Merg und Sita Grabbe vom AStA-Vorstand, Dozentin Fabiana Trani, Prof. Rüdiger Bohn und Rektor Thomas Leander (Foto: Carolin Lutzka)

„Kunst darf nicht auf Kosten unserer Gesundheit gehen“

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Ein persönliches Verhältnis zwischen Studierenden und Dozierenden, viel Einzelunterricht und ein hoher Leistungsdruck - das gibt es oft an Musikhochschulen. Auf der einen Seiten ermöglicht das den Studierenden eine gute musikalische Ausbildung, auf der andere Seite begünstigt es auch Machtmissbrauch. Das sagte 2023 eine studentische Initiative gegen Machtmissbrauch in einem Forderungskatalog. 

Ein Jahr später veröffentlichten die staatlichen Musikhochschulen ein Positionspapier zu diesem Thema. Dort erkennen sie an, dass an allen deutschen Musikhochschulen Machtmissbrauch stattfindet. Aus diesem Positionspapier wurden verschiedene Handlungsempfehlungen abgeleitet und es hat einen Aktionstag angestoßen. Der fand am 27.11.25 statt. Auch die Robert Schumann Hochschule (RSH) in Düsseldorf war Teil des Aktionstags. Es gab verschiedene Veranstaltungen zu dem Thema. Der Höhepunkt war aber eine Podiumsdiskussion mit dem AStA der RSH, dem Rektor der Hochschule Professor Thomas Leander, der Dozentin Fabiana Trani, dem Professor Rüdiger Bohn und Schauspielerin Mareile Blendl.„Wir müssen damit rechnen, dass jeden Tag an dieser Hochschule Machtmissbrauch und Übergriffe stattfinden“, sagt Sita Grabbe, die AStA-Vorsitzende der RSH.

 

Worum geht es?

„Machtmissbrauch beschränkt sich nicht alleine auf extreme Einzelfälle. Wir reden hier über den Alltag“, betonte Barbara Volkwein, die die Podiumsdiskussion moderierte. Solche Fälle können zum Beispiel Mobbing, Schikane und sexuelle Übergriffe durch Dozierende oder Kolleg:innen sein. Fast alle Speaker:innen teilten im Rahmen der Veranstaltung persönliche Erfahrungen von Machtmissbrauch. Im Publikum, in dem vor allem Studierende und Angehörige der Hochschule saßen, machte sich nicht etwa Verwunderung oder Erschrockenheit breit, sondern vielmehr ein Gefühl von Repräsentation und Zugehörigkeit. Mittlerweile habe sich in der Musikbranche aber schon einiges zum Besseren gewendet, fand Fabiana Trani. In Orchestern und Ensembles gäbe es nun meist Gremien, bei denen man sich offen aussprechen kann. An der RSH gibt es seit letztem Jahr ausgebildete Vertrauenspersonen, an die Betroffene von Machtmissbrauch sich wenden können. Das geht auch anonym.

 

Warum gerade an Musikhochschulen?

Schnell wird klar, die gesamte Kunstbranche scheint prädestiniert zu sein für Machtmissbrauch. Hierarchien spielen hierbei eine große Rolle, denn sie können das Fehlverhalten ermöglichen. Immer wieder wird in der Podiumsdiskussion darauf eingegangen, dass in der Musikbranche eine gewisse Hierarchie herrschen muss. Zum Beispiel müsse es in einem Orchester eine gewisse Hierarchie geben, damit es funktionieren kann, sagte Professor Rüdiger Bohn. „Wir üben Macht vor dem Orchester aus und vor dem Publikum, dem wir den Rücken kehren", stellt er fest. 

Ein weiteres strukturelles Problem ist, dass die Kunstbranche sehr klein und sehr gut vernetzt ist. Viele sprechen aus Angst Personen auf den Fuß zu treten, die über ihren Erfolg mitentscheiden, keine Probleme an oder erkennen sie gar nicht als solche. Es herrsche eine gewisse Berufsblindheit, sagen einige Studierende nach der Podiumsdiskussion den Campusmedien. „Von Anfang an stehen wir unter Beobachtung“, sagte Sita. Einzelunterricht und höchstens eine Kursstärke von 30 Leuten in einer Vorlesung erhöht das Potential für Machtmissbrauch. Studierende sind durch den hohen Betreuungsschlüssel den Lehrkräften  ausgeliefert. Dazu käme noch, dass auch die Lehrenden in diesem System groß geworden sind, vielleicht sogar ihren eigenen Erfolg auf das System zurückführen. Oftmals realisieren sie dadurch nicht, dass ihr Verhalten missbräuchlich sei, stellen die Studierenden fest.

 

Gibt es eine Lösung?

„Ein Ansatzpunkt ist, darüber reden. Reflexion ist da ein so unglaubliches Schlagwort", sagte Tristan Merg, vom AStA-Vorstand. Darüber zu reden auch öffentlichkeitswirksam scheint für viele Teilnehmende der Podiumsdiskussion ein Lösungsweg zu sein.
Genau das ermöglichte der Aktionstag Ende November. Dass „das Thema im Gespräch bleibt und Handlungen entstehen“ ist aus Hochschulsicht das Gesamtziel der Aktion, erläuterte Jürgen Reimann, einer der Vertrauenspersonen der RSH. Die Hochschule will sich gegen jede Form von Machtmissbrauch stellen. Sie will „explizit für uns die Strukturen schaffen und tatsächlich auch mit niedrigschwelligen Missbrauch umgehen“, sagte Reimann. „Wir stellen uns dem!“, kündigte Professor Thomas Leander, Rektor der RSH an.

Ideen aus dem AStA-Vorstand

Der AStA-Vorstand erhofft sich vom Tag ein klares Zeichen gegen Machtmissbrauch. Sie wollen auch, dass die Politik das Problem ernst nimmt. Für Sita ist der Tag aber nur der Anfang. „Ich glaube, da geht noch mehr!“, sagte sie. Während einige andere Musikhochschulen den normalen Betrieb für den Aktionstag eingestellt haben, lief dieser an der RSH weiter. Außerdem waren die Workshops und Podiumsdiskussion, die angeboten wurden, für Lehrende nicht verpflichtend. Das habe unter anderem dazu geführt, dass unter den Teilnehmer:innen hauptsächlich diejenigen saßen, die schon für das Thema sensibilisiert waren, sagte Sita.  Der AStA-Vorstand will, dass zu dem Thema jährlich verpflichtende Workshops stattfinden. Sie hoffen auch, dass sich Lehrende gegenseitig auf missbräuchliches Verhalten ansprechen. Sie fordern von der Hochschule, dass diese „weiterhin noch offener und transparenter damit umgeht“. Die Vertrauenspersonen und die externen Ansprechpersonen, wie eine Rechtsberatung, bewerten sie dabei sehr positiv.

 

Selbstgewähltes Übel?

Sind Studierende von Machtmissbrauch betroffen, gibt es für sie häufig keinen einfachen Ausweg. Für die meisten ist es keine Option, sich einer anderen Branche zu widmen. „Viele widmen ihr ganzes Leben diesem Instrument, deswegen nimmt man das in Kauf“, sagte Sita Grabbe. Gerade deswegen will der AStA-Vorstand das jetzige System und den Umgang mit Machtmissbrauch so nicht akzeptieren. Sie wollen Druck auf die Politik und die Hochschulen ausüben, damit sich was verändert. Für Sita ist schon die momentane Handlungsbereitschaft der Musikhochschulen ein Ergebnis von dem Engagement der Studierendenschaften. Schlussendlich ist sie der Meinung „Kunst darf nicht auf Kosten unserer Gesundheit gehen, denn was wir daraus schöpfen dürfen, ist unglaublich wertvoll“ 

Redigat: jw