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Campus

Redaktion:
Zu sehen ist ein Foto von einem alten Zugangsbuch
In der ULB findet derzeit Provenienzforschung statt. (Foto: Carolin Lutzka)

Gestohlene Bücher in der ULB

Ein Beitrag von Maylea Zora Selisch

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Ein dicker Wälzer liegt auf dem Tisch im Sonderlesesaal der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf (ULB). Vergilbt und per Hand geschrieben deutet im ersten Moment vieles darauf hin, dass das Buch ein Relikt aus vergangenen Zeiten ist. Was auch als mittelalterliches Kochbuch durchgehen könnte, entpuppt sich als ein Dokumentationsinstrument. In dem sogenannten Zugangsbuch wurden damals alle geschenkten und eingekauften Bücher der Vorgängereinrichtung (Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf) der heutigen ULB erfasst. Heute dient es als äußerst wichtiges Tool bei einem aktuellen Projekt der ULB namens „Provenienzforschung in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf – Die Ära Dr. Hermann Reuter (1928–1950)“.

Was ist Provenienzforschung?

Provenienzforschung beschäftigt sich mit Geschichte und Herkunft verschiedener Kulturgüter, unter anderem von Kunstwerken oder Büchern. Dabei versucht sie, zu rekonstruieren, woher das Gut ursprünglich stammt, welche verschiedenen Stationen es durchlaufen hat und welche Besitzhistorie es aufweist. Die Forschung hat häufig zum Ziel, wie auch bei dem Projekt der ULB, Raubgut zu identifizieren und die ursprünglichen Besitzer:innen ausfindig zu machen, um unrechtmäßig erhaltenes Kulturgut zurückzugeben.

Das Projekt

Seit Oktober 2024 findet in der Universitäts- und Landesbibliothek Provenienzforschung statt. Im Rahmen des Forschungsprojektes sollen die Bestände auf Nazi-Raubgut überprüft werden. Dabei fallen alle Bücher ins Visier, die zwischen 1933 und 1945, also zur Zeit des Nationalsozialismus, per Schenkung, Kauf oder auf anderen Wegen in die Hände der ULB gelangt sind. Die Zugangsbücher helfen dabei, einen Überblick zu erhalten und systematisch vorzugehen. „Unter einem Titel können sich aber bis zu hunderte von Bänden verstecken. Also wir haben wirklich eine riesige Zahl von Büchern, die wir da überprüfen.“, erklärt Filomena Lopedoto, die gemeinsam mit Dr. Ute Olliges-Wieczorek (Leitung des Dezernat 4 Landesbibliothek und Sonderbestände) das Projekt leitet. Insgesamt habe es 66.000 Titel gegeben, die infrage kamen. Bisher seien davon 20.000 Bücher identifiziert worden, die potenziell Raubgut sein könnten und genauer überprüft werden sollen. Lopedoto und ihre zwei Hilfskräfte haben zum jetztigen Zeitpunkt 11.000 Bücher durchgeschaut und bereits 500 verdächtige Provenienzmerkmale identifizieren können. Ziel des Projektes sei es laut Olliges-Wieczorek, „[…] diese Bestände zu identifizieren, die vielleicht von Verfolgten unrechtmäßig in die Bibliothek kamen, sie zu erforschen und sie zu restituieren, also eine gemeinsame Lösung mit den Erben und zu finden, wie wir die Dinge zurückgeben können.“ Sie setzten sich mit dem Projekt dafür ein, Gerechtigkeit zu schaffen und die Vergangenheit aufzuarbeiten:

Denn auch wir fühlen uns nicht gut, wenn wir unrechtmäßig erworbenes Gut oder Bücher in unserem Bestand haben, zumindest wollen wir das öffentlich machen.

Dr. Ute Olliges-Wieczorek

Laufzeit & Präsentation

Das Projekt geht noch bis zum 30. September 2026. Eine Verlängerung um zwei weitere Jahre wurde beantragt. Am 28.10.2026 eröffnet die Ausstellung zum Projekt im Foyer der ULB, bei der die bisherigen Ergebnisse präsentiert werden.

Außerdem wird das Projekt am 11. September bei der
Nacht der Wissenschaft vorgestellt.

Von 17 bis 24 Uhr kann bei Standnummer 24 im Aktionszelt am Schadowplatz die Provenienzforschung der ULB hautnah miterlebt werden.

Mit Lupe und Taschenlampe

Die Bücher werden auf sogenannte Provenienzmerkmale überprüft. Das sind Stempel, Notizen oder Aufkleber in Büchern, wie zum Beispiel ein Exlibris, die Aufschluss über deren Herkunft und Geschichte geben. Lopedoto und ihr Team nehmen jedes Buch wortwörtlich unter die Lupe und achten auf jedes kleine Detail; sie werden von allen Seiten genauestens inspiziert. Dabei würden häufig Hilfsmittel wie Lupen, Spiegel oder Taschenlampen zum Einsatz kommen: „Man muss einfach kreativ werden, um die einzelnen Sachen dann auch zu finden“, so Lopedoto. Ist ein Buch verdächtig, weil zum Beispiel ein niederländischer Name vermerkt ist und es aus einem Jahr stammt, in welchem die Niederlande bereits durch Deutschland besetzt war, lande das Buch auf der roten Liste der Provenienzampel. Diese ist in vier Farben eingeteilt und sortiert die Bücher von grün (nicht verdächtig), über gelb (ungeklärt) und orange (verdächtig) bis hin zu rot (klar belastet). Die erforschten Bücher werden im Bibliothekskatalog gekennzeichnet und mit der Forschungsdatenbank „Looted Cultural Assets“ verbunden, in welcher die Provenienzmerkmale öffentlich nachzulesen sind.

Der Weg zurück

Die Bücher, die sich für die Rote Liste qualifiziert haben, werden laut Lopedoto in die „Lost Art-Datenbank“ eingetragen. Das ist eine Datenbank vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, das neben dem Land NRW einer der Hauptförderer des Projekts ist. In Lost Art können Bücher als Fundmeldung angelegt und von ihren Besitzer:innen selbständig gefunden werden.

Neben Der Lost Art-Datenbank gibt noch weitere Wege, die Erben ausfindig zu machen und die Bücher zu restituieren. Wurde ein konkreter Name gefunden, schauen die Forschenden zum Beispiel Adressbücher, Online-Datenbanken, oder digitalisierte Zeitungen durch. „Es ist oft eine Nadel im Heuhaufen und zu ganz vielen finden wir auch nichts.“, berichtet Lopedoto. Vor allem, wenn es ein Allerweltsname sei, zum Beispiel wie "Schmitt" oder "Müller".

Je außergewöhnlicher oder auch berühmter der Name, desto einfacher sei die Nachverfolgung, berichtet Lopedoto. Das zeigt das Team Beispielsweise an einem Buch von dem aus Wien stammenden Schriftsteller und Journalisten Raoul Fernand Jellinek-Mercedes, dass sie gerade restituieren. Mercedes wurde in der Zeit des Nationalsozialismus von den Nazis verfolgt und gezwungen, all seine Sammlungen zu verkaufen. 1939 nahm er sich das Leben, weil er die Repressalien nicht mehr aushalten konnte. Raouls Vater war Vertriebler bei Daimler und seine Schwester war namensgebend für die Automarke Mercedes. Eine weitere Schwester überlebte den Holocaust. Ihre Nachfahren erhalten laut Lopedoto nun die Bücher. Aufgrund des bekannten Familiennamens sei die Rückverfolgung in diesem Fall erleichtert gewesen. Lopedoto und ihr Team geben sich aber in jedem Fall große Mühe, die Besitzer:innen ausfindig zu machen: „Wir möchten, dass die Bücher dorthin kommen, wo sie hingehören“, so Lopedoto.

Exlibris & Restitution

Ein Exlibris (übersetzt „aus den Büchern von“) kennzeichnet den Eigentümer eines Buches. Dabei handelt es sich häufig um einen Aufkleber, einen Stempel oder eine Inschrift, die den Namen, das Wappen oder sonstige Kennzeichen der Besitzer:innen enthält.

Restitution (übersetzt „Wiederherstellung“) bezeichnet die Rückgabe oder Wiedergutmachung von etwas, das zuvor entzogen, gestohlen oder unrechtmäßig angeeignet wurde.

Hintergrund

Das Projekt sei unter anderem zustande gekommen, weil Studierende vom Institut für Kunstgeschichte Interesse an der Provenienzforschung an Büchern äußerten, erzählt Frau Dr. Ute Olliges-Wieczorek. Danach wurde gemeinsam ein Antrag gestellt, um die Idee in die Tat umzusetzen. Aber auch aufgrund der Gesetzgebung und dem eigenen Verantwortungsbewusstsein habe die ULB das Projekt verwirklichen wollen. Seit 1998 hat sich die Bundesrepublik mit der Washingtoner Erklärung verpflichtet, zu Unrecht erhaltenes Raubgut zurückzugeben. Im Kulturgesetzbuch des Landes NRW ist zudem vermerkt, dass die Provenienzforschung ein wichtiger Bestandteil der Sammlungsforschung des Landes sein soll. Eine Koordinierungsstelle in Bonn, die extra zur Organisation der Provenienzforschung in NRW eingerichtet wurde, stand der ULB bei der Umsetzung des Projektes zur Seite. „Wir sind eine Landeseinrichtung als Universität und deswegen fühlen wir uns natürlich auch besonders verpflichtet“, beteuert Olliges-Wieczorek.

Redigat: mf